57 Menschen – 57 Geschichten: Peter Amacher.

Da thront der Bristenstock. Dort rauschen die Züge auf der Gotthard-Bahnstrecke vorbei. Der Ausblick aus dem Fenster seines Heims in Amsteg bietet das, womit er verbunden ist: Berg und Bahn. Als Urner gehören die Berge naturgemäss zu Peter Amachers Alltag. Als Strahler, Geologe und Mineraloge bedeuten sie ihm sein tägliches Brot. «Ich lebe auf, mit, vom und im Berg», seine Interpretation.

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«Du bist der Erste, der die Schönheit der Steine sieht, bevor sie ans Tageslicht gelangen. Es ist ein Einblick ins Innerste. Unbeschreiblich.»

Das «Auf» erklärt er nüchtern. Es steht für seine Erlebnisse während elf Jahren als Hüttenwart im Leutschachtal, als Strahler im Gotthard- und Aarmassiv. Spricht er über das «Mit», schwingt Stolz mit. «Ich lese den Berg. Ich beobachte den Fels, interpretiere, ziehe Schlüsse daraus.» Wer diese Fähigkeiten beherrsche, der erkenne als Geologe Naturgefahren und finde als Strahler Kristalle. Letzteres sei ein Moment der Strahlkraft: «Du bist der Erste, der die Schönheit der Steine sieht, bevor sie ans Tageslicht gelangen. Es ist ein Einblick ins Innerste. Unbeschreiblich.» Und da sei noch das urmenschliche Verlangen des Suchens und Sammelns. Diese Tätigkeiten sind mit Geduld gleichzusetzen. Im Leben ist Peter Amacher eher direkt. «Das kommt nicht überall gut an.» Damit spricht er seinen Abstecher in die Politik an. «Als Landrat bin ich angeeckt.» Nein, ein Kuschelpolitiker sei er nicht gewesen. «Jetzt halt», setzt er einen Punkt.

Er schwenkt über zum «Vom». Er hakt es ab mit einem kurzen Satz: «Von etwas muss ich leben.» Fehlt noch das «Im». Während des Baus des Gotthard-Basistunnels wirkt Peter Amacher im Auftrag des Kantons Uri als Mineralienaufseher. Wie ein Sechser im Lotto fühlt es sich an, diese Arbeit zu erhalten. Mit seiner Freude geht der Neid anderer Strahler einher. «Zum Glück besitze ich einen breiten Rücken.» Apropos Rücken: Vom Baubeginn 1999 bis zum Durchschlag 2008 schultert er gut und gerne 3500-mal seinen Rucksack, um Mineralklüfte aufzunehmen und deren Inhalt fachgerecht sicherzustellen. Die Bauarbeiten bestimmen seinen Lebensrhythmus. Wird eine Kluft angebohrt, bleibt ein kleines Zeitfenster für seine Aufgabe. Dann wird die Tunnelwand gesichert und zubetoniert. «Du bist Tag und Nacht auf Pikett. Im Berginneren herrschen Arbeitstemperaturen um die 34 Grad und der Weg vom Portal bis zum Bohrkopf gestaltet sich beschwerlich.»

Seine Erlebnisse als Mineralienaufseher beschreibt Peter Amacher in einem Buch. Geschichten von Begegnungen mit Mineuren und Stollenarbeitern, Momente der Gefahr, Augenblicke der Freude und als Herzensaufgabe die Dokumentation aller Klüfte. Als wichtig bezeichnet er die wissenschaftliche Begleitung seiner Arbeit. Der Austausch mit dem Forschungsteam der Universität Basel ist für ihn zentral. Er gerät ins Fachsimpeln. Der Laie kommt ob des Wissens des Geologen und Mineralogen, was da im Berginnern in den vergangenen 20 Millionen Jahren vor sich gegangen ist, ins Hintertreffen.

Da ist der geborgene Schatz realer. Die Fundstücke sind heute in einer Ausstellung im Schloss A Pro in Seedorf allen zugänglich. 250 Sammelstücke buhlen um die Gunst des Betrachters: golden glänzende Pyrrhotinkristalle, glasklare Fadenquarze, schneeweisser Laumontit. «Die Ausstellung dieses Kulturguts rechtfertigt meine Arbeit», sagt der 61-Jährige. Der Bau des Basistunnels hat Peter Amacher die Chance geboten, Kostbarkeiten zu bergen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Bahn und Berg eben.

Text: Lisbeth Epp-Huwyler
Fotos: Markus Bühler-Rasom

57 Menschen – 57 Geschichten.

Das Buch «57 Menschen – 57 Geschichten» porträtiert Menschen, die entlang der Gotthardstrecke leben, Menschen, die an der Erstellung des Tunnels mitgewirkt haben, und Menschen, für die der Gotthard aus persönlichen Gründen eine ganz besondere Bedeutung hat. Das Buch ist ab Juni im SBB Shop, am Schalter und an den Publikumsanlässen zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels erhältlich.

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