Auf und davon.

Knapp über dem Horizont steht die gleissend gelbe Sonne. Die Gluthitze des Tages lässt die Luft über den Weichen vor dem Zürcher Hauptbahnhof flimmern. Im Gleis 15 steht der Nachtzug 470 nach Hamburg Altona. Das Rollmaterial ist nicht für den Pendelbetrieb geeignet. Deshalb werden zwei Loks benötigt: Die eine zieht den Zug an seinen Zielort, mit der anderen wurde der Zug aus dem Gleisfeld in den Bahnhof gezogen. Diese Lok wurde abgekuppelt und steht jetzt am Prellbock. Sobald der Zug abgefahren ist, werde ich sie an den vorgesehenen Abstellort fahren.

Während ich dem Zug entlang gehe, sprechen mich immer wieder Reisende an. Und zwar nicht die «geschätzten Reisenden» aus den Zugdurchsagen, sondern waschechte Reisende. Mit mächtigen Koffern oder Rucksäcken, legeren Kleidern und dicken Bündeln mit Reiseunterlagen in den Händen. Touristen aus der Schweiz, aus Europa und Übersee.

Ob ich «english speake», will eine Amerikanerin wissen. Ich schiele auf die ausgedruckten Billette mit den Strichcodes. Englisch spreche ich zwar, aber leider habe ich keine Ahnung von internationalen Fahrausweisen. Ich verweise sie an die Zugbegleiter etwas weiter vorn. Zwei junge Pärchen «auf Interrail» kommen fröhlich und aufgedreht auf mich zu. Die eine der beiden Frauen hält mir ein Formular unter die Nase und will wissen, wie das auszufüllen sei. Auch da habe ich leider keinen blassen Schimmer und staune ziemlich, was die Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter alles wissen müssen. «Macht nichts, dass Sie das nicht wissen», winkt die Frau ab, «Wir finden es super, dass Sie den Zug für uns fahren.» Das ist zwar auch nicht ganz präzis, aber egal. Es ist Sommer und da nimmt man es nicht so genau. Mich freut diese Aufmerksamkeit und ich wünsche allen eine gute Reise.

Stimmungsbild aus dem Zürcher Hauptbahnhof

An einen Elektrokasten angelehnt sitzt eine junge Frau und streckt mir eine Zigi entgegen. «Hast Du Feuer?» Sommer ist Duz-Zeit. «Sorry, bin leider Nichtraucher…». Ich sehe, dass sie Tränen in den Augen hat. Sommer ist wohl auch die Zeit des Trennungsschmerzes. Oder was ist wohl der Grund für ihre Trauer? Wieso sitzt sie vor diesem Zug und warum ist niemand bei ihr? Ich hätte ihr gerne geholfen, aber wie bloss?

Verschwitzt richte ich mich auf der Lok ein. Die Klimaanlage haucht mir frostig in den Nacken. Da passiert es. Es erwischt mich eiskalt. Ein heftiges Fernweh schüttelt mich und ich bekomme Reisefieber. Ich will auch! Rein in einen Zug, abfahren, weg, immer weiter weg… Mit dem Kopfhörer Musik hören, die die vorbeiziehende Landschaft zum epischen Monumentalfilm werden lässt. Dösen oder schlafen und die Zeit vergessen.

Silhouetten von Menschen bewegen sich im wärmenden Gegenlicht und verschwinden im Zug. Die Türen schliessen mit einem Klacken. Die immer noch weinende Frau steht auf und geht weg. Träge setzt sich der Zug in Bewegung. Mit meiner Lok folge ich ihm behutsam bis zum ersten Zwergsignal, das nach seiner Vorbeifahrt von «Fahrt» auf «Halt» zurückfällt. Die Schlusslichter verschwinden im Meer aus flüssigem Gold. Gute Reise!

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3 Kommentare zu “Auf und davon.

  1. Hoi Msrkus
    Stolpere das erste mal über deine Geschichte. Gefällt mir und ich werde mehr davon geniessen. Vielen Dank dafür
    Ich wünsche dir einen schönen Sommer mit vielen Begegnungen.
    LG Felix

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