Besichtigung der Betriebszentrale Ost.

Was hat ein Lokführer in einem Betriebsgebäude am Flughafen Zürich verloren? Richtig, er besucht die Betriebszentrale Ost. Hier werden sämtliche Züge des Kernnetzes der S-Bahn Zürich sowie der Ostschweiz gesteuert. Konkret: Deren Fahrten werden überwacht und Signale und Weichen von dort aus gestellt.

Marc Ramp arbeitet hier als Teamleiter im Sektor Limmat und wird uns in den nächsten Stunden durch die Zentrale führen. Der Kommandoraum ist gut gesichert. Hinein geht’s nur mit Badge und Pin-Code. Das Licht ist gedämpft, ebenso die Geräuschkulisse. Durch die Fenster sieht man Flugzeuge hin- und herrollen und ab und zu starten oder landen. Nur Züge sieht man weit und breit keine. Ich wähle den Arbeitsplatz «Säuliamt», da ich im Säuliamt wohne. Die zuständige Zugverkehrsleiterin heisst Daniela Arxleben. Sie ist Quereinsteigerin und hat vor einem knappen Jahr die Ausbildung abgeschlossen.

DSC00257

Es ist ruhig heute, nur in Dietikon funktioniert eine Weiche nicht richtig. Doch das ist schon den ganzen Tag so und sorgt nicht mehr für grössere Probleme. An jedem Arbeitsplatz sind zehn Bildschirme miteinander verknüpft. Links finden sich Gleispläne, wo Züge als rote Linien dargestellt sind. In der Mitte ist der grafische Fahrplan. Die Zeitachse läuft von oben nach unten. Die Bahnhöfe sind horizontal angeordnet. Ein Zug wird als Linie dargestellt, die entweder von links oben nach rechts unten oder von rechts oben nach links unten laufen kann. Bleibt der Zug stehen, ist die Linie vertikal. Daniela sieht diesen Linien auf den ersten Blick an, wo Kreuzungen stattfinden und wo Konflikte entstehen.

Die S-Bahnen sind momentan nicht weiter spektakulär. Sie tuckern von einer Station zur nächsten. Ein wenig Abwechslung bringt ein Güterzug aus der Industrie Birmensdorf, der zwischen den S-Bahnen verkehrt. Das System «adaptive Lenkung» (ADL) übermittelt dem Lokführer eine Meldung mit der optimalen Geschwindigkeit, damit er elegant zwischen die S-Bahnen passt. Kurz darauf hüpft seine Linie nach unten. Der Lokführer hat die tiefere Geschwindigkeit ausgeführt. Im regulären Betrieb ohne Störungen ist die Arbeit hier schon ziemlich abstrakt.

DSC00263

Plötzlich kommt Bewegung in die Angelegenheit. Der Disponent Bahnverkehr taucht am Arbeitsplatz auf und weist auf einen Zug hin, der in Affoltern am Albis nicht wie gewünscht abgefahren ist. Daniela greift zum Hörer und kontaktiert den Lokführer. Sein Zug hat eine Störung mit dem Hauptschalter. Kurz darauf erscheint auf einem Bildschirm ganz rechts die Meldung: «18564: Hauptschalter geht nicht rein. Steht am Perron».

ALEA

Das «Alea» ist ein Chat-System, auf das alle relevanten Stellen in der Schweiz Zugriff haben. «Lokführer steht in Kontakt mit der Lokleitung», erscheint wenig später. Der Infoassistent sorgt nun dafür, dass die Verspätungsmeldung auf den Aussenanzeigen erscheint. Das Signal steht in Affoltern am Albis für den stillstehenden Zug bereits auf Fahrt. Bis Knonau, das sind einige Kilometer, gibt es keine Weiche, d.h. der Gegenzug kann nicht kreuzen. Und das wird nun zum Problem. Das Signal muss «zurückgenommen» werden. Dazu kontaktiert Daniela vorschriftsgemäss nochmals meinen Kollegen. Ich stelle mir vor, wie er dabei ist die Störung zu beheben und sich wahrscheinlich nur mässig über den Anruf freut.

Das Signal zeigt nun wieder «Halt». Doch verflixt lange zwei Minuten geht nichts, denn die alten Domino-Stellwerke sind für diese Zeit nach einem Noteingriff blockiert, um die Zugsverkehrsleiter vor überstürzten Handlungen zu schützen. Die Wartefrist betrifft auch den Gegenzug in Knonau, der nun nicht abfahren kann und ebenfalls verspätet wird. Seine rote Linie auf dem Bildschirm verschiebt sich nach unten.

Mittlerweile konnte der Lokführer die Störung in Affoltern am Albis beheben und muss nun aber warten, bis der Gegenzug eingetroffen ist. Mit 15 Minuten Verspätung fährt er weiter. Daniela optimiert seinen Fahrverlauf, damit er möglichst wenig gebremst wird. Dazu muss der Zug in Knonau ins Gleis 1 statt 2 einfahren, damit keine ablenkenden Weichen befahren werden müssen. Ablenkende Weichen bedeuten meist eine tiefere Geschwindigkeit. Ein Mausklick genügt, und die Passagiere am Perron werden über die Gleisänderung informiert. Über einen kleinen Lautsprecher kann ich die Ansage mithören. «Information zur S5 nach Zug. Die S5 nach Zug verkehrt 15 Minuten später und verkehrt auf Gleis eins. Grund dafür ist eine technische Störung am Zug.»

Die Meldung des Lokführers im «Alea» hat neben der Betriebszentrale noch andere Stellen aktiviert. Die Lenkung für das Personal musste die Arbeitszeiten und Aufträge des Lokführers überprüfen. Hat er genügend Pause? Wäre eine anschliessende Arbeit geplant gewesen? Falls ja, wer könnte seine Arbeit übernehmen? In diesem Fall ging es auf, der Lokführer hätte ohnehin eine Wartezeit im Gleisfeld gehabt. Im «Regionalen Operations Center» in Zürich wurde die Meldung ebenfalls wahrgenommen und es wurden Durchsagen in den Zug übermittelt.

DSC00252

Pünktlich zum Ende der Besichtigung kommt der verspätete Zug in seinem Zielbahnhof Zug an. Der Arbeitsplatz für Zug ist gleich rechts davon. Die Arbeit der Zugverkehrsleiterinnen und Zugverkehrsleiter ist für uns Lokführer normalerweise eine Black Box. Dieser Einblick in die Betriebszentrale Ost ermöglicht es mir, besser zu verstehen, was am anderen Ende der Telefonverbindung vor sich geht. Und wer weiss, vielleicht habe ich ja sogar einmal Daniela am Telefon.

Besten Dank für die interessante Führung!

52 Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.