Der Jura im Nebel: Eine mystische Begegnung.

Durch das Gras und Moos schimmern kühle Felsbrocken. Man sieht kaum weiter als zehn Meter, unsere Spuren durch die feuchte Gipfelwiese werden alsbald von der weissen Nebelwand verschluckt. Mit frierenden Händen schirmen wir die Augen ab, blicken nach oben, in einen Himmel, der vom Höhennebel geknebelt an diesem Samstag weich über der Jurahöhe liegt. Es wird heller und schon glauben wir, die Sonne möge den Nebel auflösen und doch noch die Sicht auf die Alpenkette freigeben – vom Mont Racine, auf dem wir nun stehen, muss die Ansicht unglaublich sein – aber nur wenige Sekunden später fällt das Licht in sich zusammen und lässt uns dem rüttelnden Wind ausgeliefert auf knapp 1500 Metern zurück.

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Zwei Stunden zuvor rollt unser Zug durch die stillen Ortschaften des Berner Jura: Courtelary, Villeret, Renan. Es ist ein eigentümlicher Ecken des Landes, dieser wie Brachland wirkende Flecken Urschweizer Verschwiegenheit und zähneknirschender Stille. Andererseits strahlen die in der Landschaft verstreuten Herrenhäuser und stolz vor sich hin vegetierenden, verlassenen Uhrenfabriken doch die Atmosphäre eines eigenen Reichs aus, einer Welt mit eigenen Regeln und Werten. Teils erinnert mich der Jura an einen zu Stein gewordenen Riesen: mystisch und gefährlich, starr und leblos.

Von Vue-des-Alpes über den Kamm

Ab La-Chaux-de-Fonds, dem vierkantigen Uhrennest, nehmen wir den Bus in das auf 1283 Metern gelegene Vue-des-Alpes. Der Nebel hier ist dicht und umschlingt die Landschaft. Vor uns liegt die neunte Etappe des Jura-Höhenwegs. 22 Kilometer sind es insgesamt bis Noiraigue, danach noch 3,8 Kilometer und 700 Höhenmeter von Noiraigue hinauf zum Creux-du-Van.

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Die Wanderung führt uns durch kleine Siedlungen, an Ferienhäusern vorbei, die sich vom Sommer verabschiedet haben und verbarrikadiert auf den Winter und den Schnee warten – auf die Zeit des Schlummerns. Entlang des Hügelkamms stossen wir Richtung Südwesten, während der kalte Wind hartnäckig an uns rüttelt, als wir ungeschützt über die leicht abfallenden Wiesen wandern und uns mit Landjägern und Kirsch stärken.

Und dann manifestieren sich plötzlich wieder die eigenen Regeln des jurassischen Hinterlandes: Durch die Nebelwand tritt sachte ein tiefschwarzer Schäferhund. Er kommt nicht näher, hört nicht auf unsere Rufe und Pfiffe. Er begleitet uns einige Kilometer, taucht dabei immer wieder im dichten Nebel unter. Bei einer brüchigen Scheune bleibt er schliesslich stehen. Sein feuchtes, schwarzes Fell glänzt als letztes im jetzt wieder helleren Nachmittag.

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Den Abhang an den Füssen

Auf Höhe Col de la Tourne stapfen wir durchnässt durch pilzbeladene Wiesen. Die roten und gelben Wälder sieht man hier ein bisschen besser, aber immer wieder verschwinden auch sie im Nebel, der zurück weicht um uns gleich wieder vom Weg abzubringen – ohne mobile Wanderkarte funktioniert  dieses Wochenende nichts.

Der Abstieg nach Noirague zieht sich erneut über einen Hügelkamm, der zur linken Seite scharf abfällt und einen Felsabhang freigibt, der im Nirgendwo endet. Auf der anderen Seite düsterer und kalter Wald. Kurz vor Noiraigue denken wir an Edgar Allen Poe und sein schwarzes Herz, das hier Balsam gefunden hätte.

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Nur noch die Hälfte unserer Truppe nimmt den harten Aufstieg zur Herberge Le Soliat auf dem Creux-du-Van in Angriff – wir nehmen den steilen Wanderweg den Berg hinauf, bissige 700 Höhenmeter in anderthalb Stunden, getrieben wie die Wilden von Müdigkeit und dem Verlangen nach Fondue und Schnaps. Der Regen ist das letzte, was uns noch begleitet. Der Regen, Dunkelheit und Kälte.

Die Angus-Rinder starren uns verdutzt aus der hereinfallenden Nacht entgegen. Der nächste Tag wird heiter werden, denken wir, hoffen wir. Kurze Aussicht auf den Creux-du-Van, danach Abstieg durch den waadtländischen Jura nach Provence, Mutrux. Vielleicht ein wenig mehr Herbst, weniger Nebel. Ein blauer Himmel vielleicht, Kühe, die im Weg stehen und Pilze in den feuchten Wiesen. Aber zuerst brauchen wir Stärkung. Zuerst brauchen wir Schlaf.

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