Der Mann, der mit dem Rollstuhl tanzt.

Seit seiner Geburt ist Louis Amport auf einen Rollstuhl angewiesen. In der Fachsprache nennt sich seine Einschränkung Cerebralparese. In der Realität bedeutet dies: Tägliches ankämpfen gegen gesellschaftliche Hürden. Ein etwas zu hoher Gehsteig kann bereits eine Herausforderung darstellen. Louis hat jedoch gelernt, auch im Regen zu tanzen.

Ich laufe mit meinem Teamkollegen Manuel, einem Grafiker, durch ein ruhiges Quartier in Gümligen bei Bern. Es ist ein sonniger Mittwochmorgen. Was hat uns beide hierhin verschlagen? Wir besuchen Louis Amport, einen Rollstuhlfahrer. Wir wollen mehr über sein Leben und seine Meinung zu der Plattform ViaStaziun erfahren. Die SBB hat die Plattform ViaStaziun in Kooperation mit der Stiftung MyHandicap ins Leben gerufen. Die Plattform liefert Kundeninformationen zu Schweizer Bahnhöfen und richtet sich insbesondere an Menschen mit eingeschränkter Mobilität.

 

 

Eine Tramanzeigetafel in der eigenen Wohnung.

Beim Wohnblock von Louis angekommen, klingeln wir an der Eingangstüre, die Türe zum Gebäude geht auf. Wir gehen die Treppe hoch und Louis empfängt uns herzlich an seiner Wohnungstüre im ersten Stock. Er stützt sich auf Krücken. Diese ermöglichen ihm, sich zuhause freier zu bewegen. Sogleich zeigt er uns seine Wohnung. Er erzählt: «Ich wohne hier mit drei Freunden. Die Wohnung ist ein Glücksfall: Das Quartier ist ruhig, alles Wichtige ist in der Nähe und die Distanz in die Stadt ist überschaubar.“ Stolz zeigt er uns die coole, hauseigene Tram-Anzeigetafel. Sein Kollege, der Mediamatiker ist, hat ihm beim Eingang der Wohnung einen Bildschirm installiert, auf welchem übersichtlich die nächsten Verbindungen nach Worb und Bern aufgezeigt sind.

 

 

Selbstständigkeit als Lebensaufgabe.

Kurz später brechen wir mit Louis für eine Fotosession und ein kurzes Interview nach Bern auf. Louis Amport geht langsam aber selbstständig die Treppe hinunter. Dort steht sein Rollstuhl bereit, um loszufahren. Manuel und ich bieten ihm Hilfe an. Er lehnt diese Hilfe bewusst ab. Es ist offensichtlich, dass Louis früh in seinem Leben gelernt hat, mit seiner eingeschränkten Mobilität umzugehen. Er kennt seine Umgebung. Bei der Bahnunterführung meint er zu uns: «Ich muss mit meinem Rollstuhl direkt über die Strassenkreuzung, da es in der Unterführung eine für den Rollstuhl unbegehbare Treppe hat.»

 

 

Als Louis fürs Tanzen Feuer fing.

Später beim Kaffee erzählt Louis wie er zum Tanzen kam: «In einem Jugendcamp 2006 fuhr ich spontan in einen Kreis voller tanzender Leute. Die Menge hat sofort geklatscht und mich motiviert mitzumachen. Mit meinem Rollstuhl habe ich damals frei getanzt. Von da an habe ich Feuer gefangen für das Tanzen.» Noch heute besucht er regelmässig das Hiphop Center Wankdorf. Auch bei den Hobbys von Louis wird deutlich wie wichtig es Louis ist, ein eigenständiges Leben zu führen und Sachen auszuprobieren.

 

Das Potential von ViaStaziun.

Auf unsere Plattform für Leute, die in der Mobilität eingeschränkt sind, angesprochen, meint Louis: «Dieses Projekt ist sehr spannend und hat wirklich Potential.» Er fügt hinzu: «Zentral ist jetzt die gute Umsetzung nach der Pilotphase. Dafür braucht es Menschen, die selbst in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, die direkt an der definitiven Lösung mitarbeiten können. Nur auf diese Weise können die Bedürfnisse dieser Zielgruppe angemessen einbezogen werden.» Er bietet uns auch direkt seine Hilfe an und fügt hinzu: «Am Ende ist dieses Projekt für alle Menschen sinnvoll und ich bin gerne bereit mit meinem Netzwerk und Wissen zu unterstützen.»

Für uns war die Begegnung mit Louis sehr inspirierend. Wir danken nochmals herzlich für seine Bereitschaft, mit uns ein Interview zu  machen. Ich bin überzeugt, dass wir einige seiner Vorschläge für die Optimierung der Plattform Viastaziun nützen können.

Alles Gute und viel Rückenwind für deine Zukunft wünscht dir deine SBB!

 

ViaStaziun.

Die Plattform soll Menschen mit eingeschränkter Mobilität an den Bahnhöfen Hilfe bieten. Hilfe in Form von Bildern, die diesen Menschen die Lage vor Ort zeigen. Das Grundprinzip ist Nutzer generierter Content: das heisst, die Bilder werden von den Nutzern selbst hochgeladen.

  • Online seit: Oktober 2016
  • Nutzerzahl pro Tag: circa 30
  • Anzahl erfasster Bahnhöfe: 115
  • Ziele für die Zukunft: die Abdeckung der Bahnhöfe erhöhen und Baustellen vermehrt miteinbeziehen

 

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