Die SBB surft auf der grünen Welle.

Ich habe letzthin in den Medien eine Schlagzeile zur «grünen Welle bei der Bahn» aufgeschnappt. Kannst du mir mehr dazu verraten?
Beste Grüsse
Konrad

 

Guten Tag Konrad

Wer als Autofahrer beim Anfahren einen Blick auf die Anzeige des Benzinverbrauchs riskiert, merkt rasch, dass diese einen Moment merklich in die Höhe schnellt. Beim Beschleunigen von Zügen ist dies im Grundsatz genauso, vor allem, wenn es sich um lange, schwere Kompositionen handelt.

Beispiel: Ein 1000 Tonnen schwerer Güterzug, der aus 80 Kilometern pro Stunde zum Stillstand kommt und danach wieder anfährt, verbraucht dabei so viel Strom wie ein Durchschnittshaushalt in einer Woche. Die «grüne Welle», auch ADL genannt für Adaptive Lenkung, ermöglicht dem Lokpersonal nun, dass es den Zug flüssig fahren und so Halte vor roten Signalen vermeiden kann. Genau das senkt gleichermassen Energieverbrauch wie Energiekosten und hat als positiven Nebeneffekt, dass Fahrzeuge und Gleise weniger abgenützt werden. Die «grüne Welle/ADL» sorgt also dafür, dass es zu deutlich weniger ungeplanten Stopps vor Haltesignalen kommt und gleichzeitig die Züge pünktlicher werden.

Lass mich kurz erklären, wie die «grüne Welle/ADL» genau funktioniert: Das System ist Teil des Dispositionssystems für den Zugsverkehr. Es erkennt Konflikte von Zügen im voraus, das heisst, es erkennt, wo ein Zug wegen einem anderen warten müsste und errechnet darauf die passenden Geschwindigkeiten. So kann das Lokpersonal seine Züge ohne Halt und energieschonender ans Ziel bringen. Dafür gibt der Disponent Bahnverkehr in der Betriebszentrale die berechneten Fahrempfehlungen frei, diese werden dann rasch in den Führerstand des Lokführers übermittelt.

grafik_gruenewelle

Heute werden täglich knapp 1250 Züge mit ADL gelenkt, künftig sollen es 2000 Züge jeden Tag sein. Somit können schon heute dank ADL 117 000 Kilowattstunden Strom pro Tag eingespart werden. Im Jahr sind das 72 Gigawattstunden Strom. Das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch aller Haushalte der Stadt Fribourg.

Adaptive Lenkung
ADL-Anzeige beim Lokpersonal. Die Fahrempfehlung resp. die optimale Geschwindigkeit (Vopt) ist unten links ersichtlich. (Bild: softbee)

Für das weltweit einzigartige System ist die SBB sogar ausgezeichnet worden. Das Bundesamt für Energie hat ihr den Schweizer Energiepreis Watt d’Or in der Kategorie «Energieeffiziente Mobilität» verliehen. Die Watt d’Or-Auszeichnung kürt aussergewöhnliche Leistungen im Energiebereich in verschiedenen Kategorien.

Hier noch ein paar andere Fakten zum Thema.

Wie viel Energie letztlich gespart werden kann, hängt primär von drei Faktoren ab:

  • der Zugmasse, also dem Gewicht des Zuges. Es ist ein grosser Unterschied, ob es sich um einen langen Güter- oder kurzen Personenzug handelt
  • der Geschwindigkeit, aus welcher der Zug anhält
  • und letztlich – und nun wird es etwas schwieriger: dem Rekuperationswirkungsgrad, das heisst, dem Strom, der beim elektrischen Bremsen wieder zurückgespiesen werden kann

Du siehst, die SBB ist ein innovatives Bahnunternehmen, das auf neue Technologien setzt und diese – wo sinnvoll – auch anwendet. Mit der «grünen Welle/ADL» leistet die SBB trotz Mehrverkehr und zunehmender Bau- und Unterhaltstätigkeit einen wichtigen Beitrag für einen pünktlichen Zugverkehr und schonendem Umgang mit Energieressourcen.

Eines darf dabei nicht vergessen gehen – die Sicherheit leidet nicht darunter: Die «grüne Welle/ADL» unterstützt die Lokführer mit Geschwindigkeitsempfehlungen für eine energieeffiziente und regelmässige Fahrweise. Es sind also keine Fahrvorschriften und die Aussensignale gelten nach wie vor zu 100 Prozent.

Übrigens: In der Sendung «Einstein» im Schweizer Fernsehen SRF war am 26. März 2015 ein interessanter Beitrag zum Thema «grüne Welle» zu sehen.

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4 Kommentare zu “Die SBB surft auf der grünen Welle.

  1. Wir beim Bremsvorgang nicht die Energie wieder ins Netz (bzw. Batterie) eingespeist? Dachte das machen alle modernen Elektrofahrzeuge ?

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