Dokumente des Ärgers: Die Beschwerdebücher alter Zeiten.

Immer mal wieder geht etwas schief. Etwas klappt nicht so, wie wie man es sich vorgestellt und geplant hatte. Dann ärgert man sich. Dann will man sich beschweren, will eine Erklärung, will, dass der (vermeintlich) Schuldige Rechenschaft ablegt oder sogar zur Rechenschaft gezogen wird. Das kennen wir alle und das kann alle Lebensbereiche treffen. Natürlich auch die Bahnreise.

Aber nicht alle Menschen reagieren gleich, wenn etwas Ärgerliches passiert: während die einen den Ärger in sich hineinfressen, muss er bei den anderen hinaus. Nicht nur die Individuen unterscheiden sich dabei, auch die zeitspezifischen Ausdrucksformen des Ärgers unterscheiden sich. Und damit bin ich beim eigentlichen Thema: Haben sich eigentlich die Ärgernisse selbst verändert oder nur unsere Art, wie wir diesem Ärger Luft machen?

Heute gibt es mannigfaltige Möglichkeiten seinen Unmut über die Bahn kundzutun: spontan und breit gestreut über die sozialen Medien wie z. B. auf Facebook oder Twitter, gezielt über das Online-Formular «Lob und Kritik» auf der SBB Website oder zukünftig vielleicht über die SBB «Defect App», die sich derzeit in der Pilotphase befindet.

In den Gründerzeiten der Bahn konnte man sich entweder direkt mündlich beschweren oder einen Brief an die entsprechende Eisenbahnverwaltung schicken. Nun war (und ist) die direkte Konfrontation nicht jedermanns Sache; zudem man nie sicher sein konnte, dass man die richtige Person erwischte und die Beschwerde überhaupt irgendeine Wirkung erzielte. Andererseits war – daheim oder am Ziel angekommen – der Ärger teils schon verraucht, teils der Aufwand zu gross, einen Brief zu beginnen. Eine Mittlerfunktion nahmen daher die an den Bahnhöfen aufliegenden «Beschwerdebücher» ein.

Beschwerdebuch des Bahnhofs Bern
Beschwerdebuch des Bahnhofs Bern (1965–1983)

Ohne direkte Konfrontation konnte man seine Beschwerde anbringen und war sicher, dass sich jemand damit auseinandersetzte und dass man eine Antwort erhielt. Nicht viel anders ist es heute mit spontan abgesetzten Posts auf Facebook.

Transportreglement
Transportreglement der Schweizerischen Eisenbahnen von 1876

Die Beschwerde war ein verbrieftes Recht des Reisenden: Das erste gesamtschweizerische Transportreglement von 1876, nach dem sich alle damaligen Privatbahnen zu richten hatten, bestimmte: «Auf jeder Station liegt ein Beschwerdebuch auf». Das Reglement verpflichtete die Unternehmen, auf solche Beschwerden zu antworten.

Auszug aus dem Transport-Reglement
Auszug aus dem Transport-Reglement im Beschwerdebuch des Bahnhofs Ziegelbrücke

Von den ehemals zahlreichen vorhandenen Beschwerdebüchern haben leider nur sehr wenig die Zeit überdauert. Aber die im Archiv von SBB Historic überlieferten Beispiele reichen doch aus, um einen Eindruck des Gebrauchs über einen langen Zeitraum zu geben.

Beschwerdebuch der Station Ziegelbrücke
Beschwerdebuch der Station Ziegelbrücke (1878–1934)

Das älteste Beschwerdebuch reicht zurück bis in die Privatbahnzeit des 19. Jahrhunderts: es stammt aus der 1875 eröffneten Station Ziegelbrücke der Schweizerischen Nordostbahn und enthält Einträge von 1878 bis 1934. Ein charmantes Details dieses alten Buchs: es ist mit einem Uniformknopf der Nordostbahn verziert.

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Verzierung am Beschwerdebuch der Station Ziegelbrücke

Als letztes Zeugnis dieser Art liegt ein Beschwerdebuch des Bahnhofs Bern vor. Es enthält Einträge von 1965 bis 1983. Die Bestimmung betreffend Beschwerdebücher blieb bis zur generellen Neufassung des Transportreglements 1949 bestehen. Das neue Gesetz kennt die Verpflichtung nicht mehr. Das Beschwerdebuch des Bahnhofs Bern zeigt aber, dass die Bücher auch ohne gesetzliche Verpflichtung noch in Gebrauch blieben.

Haben sich neben den veränderten Möglichkeiten der Beschwerde auch die Beschwerdegründe verändert? Ein Blick in die alten Bücher zeigt: nicht wirklich. Ein Hauptgrund für Beschwerden sind Verspätungen und verpasste Anschlüsse, überfüllte Züge, verlorenes Gepäck, mangelnde Informationen oder Unhöflichkeiten des Personals. Als Beispiel mag die Beschwerde des Herrn Gyger vom 23. Mai 1885 dienen.

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Auszug aus dem Beschwerdebuch der Station Ziegelbrücke (1885)

Er verpasste aufgrund einer Verspätung seine letzte Verbindung nach Buchs. Da der Herr der Vorsteher der «Werdenbergischen Rettungsanstalt» war, musste er aber unbedingt an sein Ziel kommen und nahm deshalb wohl von Ziegelbrücke eine Mietkutsche. In seinem Eintrag verlangt er von der Nordostbahn die Vergütung für die ihm entstandenen Mehrkosten. Die Nachfolgeorganisation der «Rettungsanstalt» ist das heutige «Lukashaus» in Grabs und die Nordostbahn ging 1902 in der SBB auf.

Unmöglich wäre heute glücklicherweise die Behandlung einer englischsprechenden Reisenden vom Juli 1970: sie beschwerte sich – zu Recht – darüber, dass ihr als Rollstuhlfahrerin der Zugang zum Personenwagen verweigert wurde und sie stattdessen im Gepäckwagen reisen sollte.

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Auszug aus dem Beschwerdebuch des Bahnhofs Bern (1970)

 

Leiter Archive bei SBB Historic_Martin Cordes Text: Martin Cordes, Leiter Archive bei SBB Historic.

Weitere spannende Einblick in die Schweizer Eisenbahngeschichte findest du im Blog von SBB Historic.

 

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