Fliegende Kisten.

Eine 100 Kilogramm schwere Kiste zu Hause abholen lassen und zum Preis der Fahrstrecke Neuenburg–St. Blaise (Fahrdistanz von 5 Kilometer) direkt zum Haus des Empfängers senden lassen. In einer Lieferzeit von 24 Stunden! Das war bei der SBB ab 1937 mit dem sogenannten Haus-Haus-Dienst möglich.

Werbefilm für den Haus-Haus-Dienst «Das Spiel von der Kiste» von Julius Pinschewer (1936 oder 1949).
Werbefilm für den Haus-Haus-Dienst «Das Spiel von der Kiste» von Julius Pinschewer (1936 oder 1949).

«Gütertransporte von Haus zu Haus» – so warb eine um 1937 an den Schweizer Bahnhöfen aufgelegte Broschüre für den neuen Haus-Haus-Dienst. Der ausgebaute Franko-Domizil-Service erlaubte der Bevölkerung von 5000 Ortschaften in der Schweiz, die über keinen Bahnanschluss verfügten, Waren und Güter per Bahn zu versenden. Möglich machte dies das Zusammenspiel unterschiedlicher Verkehrsträger der Zeit: im Ortsverkehr kamen ab den Bahnhöfen Pferdefuhrwerke, Lieferwagen, Velos oder Handwagen zum Einsatz, während im Fernverkehr Postautos, Milchfuhrleute oder Landwirte die Botengänge erledigten.

Umschlag der Werbebroschüre von 1937.
Umschlag der Werbebroschüre von 1937.

Zu den Vorteilen des Dienstes zählten das für damalige Verhältnisse äusserst günstige Angebot und kurze Lieferzeiten. Auch spezielle Wünsche wurden berücksichtigt: besondere Transportfristen und Zustellungszeiten, sowie die direkte Zustellung in Keller oder obere Stockwerke. Selbst im Winter wurde der Dienst in abgelegenen Bergregionen aufrechterhalten, wie eine 1938 im Auftrag des Fotodienstes der SBB erstellte Fotostrecke zeigt:

Die Bahn bringt die Güter nach Stalden (Kanton Wallis), wo sie auf das Postauto umgeladen werden…
Die Bahn bringt die Güter nach Stalden (Kanton Wallis), wo sie auf das Postauto umgeladen werden…
… und anschliessend per Lastwagen durch das Saastal geführt werden.
… und anschliessend per Lastwagen durch das Saastal geführt werden.
Maultiere übernehmen danach die für Fahrzeuge unpassierbare Strecke. Hier das Umladen in Saas Grund.
Maultiere übernehmen danach die für Fahrzeuge unpassierbare Strecke. Hier das Umladen in Saas Grund.
Der Aufstieg vor spektakulärer Kulisse nach Saas Fee…
Der Aufstieg vor spektakulärer Kulisse nach Saas Fee…
…wo Walliser Frauen bei einem Wegkreuz bereits auf die Lieferung warten.
…wo Walliser Frauen bei einem Wegkreuz bereits auf die Lieferung warten.

Von Konkurrenten zu Partnern.

Wie kamen diese unterschiedlichen Verkehrsträger zusammen? Bereits anfangs der 1920er-Jahre musste die SBB im Stückgüterverkehr die Abwanderung von Aufträgen in Richtung des aufkommenden Strassenverkehrs feststellen. In der Schweiz, so argumentierten der Bundesrat und die SBB, sei dieser Abwanderungseffekt wegen den kurzen Verkehrsdistanzen besonders stark. Als Gegenmassnahme riefen sie 1927 die Sesa, die Schweizerische Express AG ins Leben. Sinn und Zweck der Sesa war die Verbindung des Bahngüterverkehrs mit den sogenannten «Camionagediensten», welche Güter ab Bahnhof an die Zustelladressen lieferten. Private Transportunternehmen, die diese «Camionagedienste» anboten, funktionierten dabei als «Agenten» der Sesa. Damit konnten Kritiker besänftigt werden, die eine staatliche Konkurrenzierung des privaten Transportunternehmertums befürchteten.

Verkehrsteilung.

Eine Abstimmungsvorlage von 1935, das sogenannte Verkehrsteilungsgesetz, sollte den Verkehr zwischen Schiene und Strasse dann gesetzlich regeln. Die Vorlage sah vor, dass sämtlich Güter mit einem Transportweg über 30 Kilometer auf der Schiene transportiert werden sollten, Güter mit kürzeren Wegen auf der Strasse. Die Vorlage wurde jedoch mit 67,7 Prozent Nein-Stimmen verworfen.

Mit dem Ausbau der Sesa-Dienste zum Haus-Haus-Dienst kamen sich Schiene und Strasse kurz darauf zwar nicht auf gesetzlicher, so aber auf unternehmerischer Seite wieder näher. Dies betonte auch die Werbebroschüre von 1937: «Was zusammengehört, das zankt sich – und heiratet zuletzt.»

Da bin ich – klingelnde Kiste am Ende des Werbefilms für den Haus-Haus-Dienst.
Da bin ich – klingelnde Kiste am Ende des Werbefilms für den Haus-Haus-Dienst.

 

Reisegepäck Tür zu Tür.

Eine Art Haus-Haus-Dienst gibt es auch heute noch. Das Angebot heisst ««Reisegepäck Tür zu Tür». Wir holen dein Gepäck bei dir zuhause ab und stellen es am Folgetag an der gewünschten Adresse innerhalb der Schweiz zu. Jetzt online buchen.

 
 

IMG_0925Text: Lukas Gerber, Leiter Vermittlung, Marketing und Kundenservices bei SBB Historic.

Weitere spannende Einblick in die Schweizer Eisenbahngeschichte findest du im Blog von SBB Historic.

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