Gedanken zur Zukunft der Mobilität in der Schweiz – Herr Steinmann im Interview.

Schon seit einem Dritteljahr sind die Mobilitätspioniere von SBB Green Class auf Strasse und Schiene unterwegs. Mit jeder Fahrt im Elektroauto, im Zug oder auf einem PubliBike generieren sie eine Menge Daten, die von einem Forschungsteam ausgewertet werden. Durch diese aggregierten Bewegungsdaten wird schliesslich das ideale Mobilitätspaket der Zukunft geschnürt.

Einer der Pioniere ist Walter Steinmann, der ehemalige Direktor des Bundesamtes für Energie. Wie er den Umgang mit uneingeschränkter Mobilität erlebt und was seine Gedanken zur grünen Zukunft der Schweiz sind hat er mir im persönlichen Interview verraten.

 

Möchten Sie sich, sozusagen als «Ice Breaker», kurz vorstellen?

Ich habe mich in meiner beruflichen Laufbahn immer mit technologischen sowie wirtschaftlichen Veränderungen und Innovationen befasst, vorerst als Wirtschaftsförderer der Kantone Baselland und dann Solothurn, sowie ab 2001 als Direktor des Bundesamts für Energie. Seit Ende Jahr bin ich pensioniert, habe eine eigene Firma gegründet und biete Beratungen an.

Mein Interesse gilt Startups, Innovationsbegleitungen sowie europäischen Problemstellungen. Ich schreibe noch immer Blogbeiträge zu Themen der Energie- und Klimapolitik der Schweiz. Mit unserer Energiepolitik haben wir die Energieeffizienz im Gebäudebereich sowie in der Industrie recht gut vorangetrieben, die CO2-Reduktionen sind dadurch ebenfalls am Sinken. Ganz anders präsentiert sich die Situation im Bereich Verkehr: Trotz schärferer CO2-Vorschriften sinkt der Treibstoffverbrauch kaum, wir alle lieben Mobilität und legen – ob Arbeitsweg oder Freizeit – immer mehr Kilometer zurück.

 

Sie sind selbst SBB Green Class Tester. Wie erleben Sie E-Mobilität in der Praxis?

Ich finde es spannend, in dieser Gruppe mit dabei zu sein. Ich habe detaillierte Zahlen zu meinem Mobilitätsverhalten und werde motiviert, dieses und jenes zu hinterfragen. Der Einstieg war aber ein Schock: der BMW i3 schaffte es Mitte Januar wegen der tiefen Temperaturen nur knapp, mich von Dielsdorf nach Bern zu bringen.

 

Wie hat Ihr Umfeld auf Ihr Engagement als Mobilitätspionier reagiert?

Es war eine Mischung von Bewunderung und leichtem Neid, weil auch andere Personen in meinem Umfeld gerne mitgemacht hätten. Seither drehen sich viele Gespräche um dieses Thema. Viele Leute möchten etwas tun, aber es fehlen noch die massgeschneiderten Angebote.

 

Und inwiefern sind Sie vom Dschungel der verschiedenen Elektrotankstellen-Anbieter überrascht? 

Ich hatte im Mai 2016 noch zu einer Landsgemeinde aller Tankstellenbetreiber aufgerufen und diese zu Investitionen in die E-Tankstellen zu ermuntern versucht. Ich hatte ihnen damals auch klar die Devise durchgegeben, dass ich eine Branchenlösung gegenüber einer rein staatlichen Verordnung begrüssen würde. Heute habe ich drei E-Cards in meinem Portemonnaie und ich freue mich, dass die diversen Anbieter zu koordinieren beginnen. Aber einzelne Tankstellenbesitzer wollen sich abschotten und nicht zu Kooperationen Hand bieten. Würde ich heute nochmals zu einer Landsgemeinde einladen, würde ich vorerst verlangen, dass gemeinsame Software und Abrechnungssysteme lanciert werden und erst nachher in die Hardware, Tankstellen investiert wird.

Erdölreiche Staaten geben Benzin teils umsonst an die Bevölkerung ab. Die Schweiz hat Wasserkraft und Windenergie. Wie hoch sehen Sie die Chancen, dass der Bund je grüne Energie für Elektroautos gratis abgibt?

Ich glaube nicht, dass in der Schweiz irgendwann Strom gratis vom Staat abgegeben wird. Energie muss einen Preis haben, dem möglichst auch eine Steuerungsfunktion zukommen soll. Bereits beklagen sich die Leute von den Verkehrsämtern BAV und ASTRA, dass sie bei der Finanzierung von Unterhalt sowie Ausbau vom öffentlichen und privaten Verkehr Mühe haben: Weil ja die Elektroautos keine Mineralölsteuer bezahlen, fehlt genau dieses Geld in der Bundeskasse. Da müssen neue Lösungen her.

 

Der Begriff «Smart» ist in aller Munde, seien es Smart Homes oder gar Smart Cities. Welche Instanz sollte in der Schweiz das Zepter übernehmen, um «Smart Energy» eine Realität zu machen? Tendieren Sie Richtung freie Marktwirtschaft oder Bund?

Wenn wir dies rein privat lancieren, kann es leicht zu einer halbfertigen Lösung oder gar einem Chaos kommen. Deshalb muss der Staat klare Rahmenbedingungen setzen. Doch die privaten Player werden mit neuen Apps und Software den Nutzen der smarten Infrastrukturen optimieren und parallel wohl die Energie noch effizienter einsetzen.

 

Schauen wir zum Schluss in die Zukunft: Wird die E-Mobilität langfristig durch Wasserstoffantrieb überholt?

In der Schweiz haben wir keine Subventionen für die Anschaffung von E-Fahrzeugen, effizienten Gasfahrzeugen oder Wasserstoff-Autos. Wir sind keine Automobilbau-Nation und deshalb muss bei einer Absatzkrise nicht gleich der Staat wie in Deutschland oder Frankreich Finanzspritzen geben. Wasserstoff-Autos wären nur zu begrüssen, wenn der Wasserstoff aus erneuerbaren Quellen produziert würde. Zudem müsste eine H2-Tankstelleninfrastruktur aufgestellt werden, was wiederum mit enormen Kosten verbunden wäre. Aber davon sind wir noch weit weg und deshalb glaube ich, dass die Zukunft eher den Elektrofahrzeugen gehört.

Wir hatten letztes Jahr die Mitglieder der Erdölvereinigung zu einer Sitzung zusammengerufen und ihnen den Vorschlag gemacht, dass sie das Thema Wasserstofftankstellen angehen. Sie haben signalisiert, dass sie dies nur mit finanziellen Garantien des Staates wagen könnten. Am liebsten hätten sie den Benzinpreis um zwei Rappen erhöht und diese Mittel dann für den Aufbau des H2-Tankstellennetzes eingesetzt. Doch das dürfte bei unserer gestrengen Wettbewerbskommission zu mehr als einem Stirnrunzeln führen …

Vielen Dank für das spannende Gespräch.

 

 

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