Grosse und kleine Gefühle am Bahnhof.

Ein Bahnhof ist mehr als eine Anlage, die bahnbetriebliche Funktionen erfüllt. Als Start-, Ziel oder Anschlusspunkt der Züge sind mit einem Bahnhof Waren, Personen und damit auch viele Geschichten verbunden. Durch persönliche Erlebnisse, Erzählungen oder Ereignisse erhalten manche Bahnhofsteile einen emotionalen Wert. In der Folge sollen ein paar «Gefühlsorte» am Bahnhof Bern vorgestellt werden.

Laufsteg der Emotionen.

Es ist der Laufsteg der Emotionen: das Perron. Begrüssungen, Verabschiedungen, Reisebeginne, Umstiege, unerwartete Begegnungen aller Art … die Anzahl der Situationen, die zu grossen und kleinen Gefühlsausbrüchen führen können, ist schier unerschöpflich.

Mit welchen Wünschen und Hoffnungen fuhren beispielsweise um 1960 in der Schweiz arbeitende Italienerinnen und Italiener in die Weihnachtsferien? Viele von ihnen waren fast das gesamte Jahr über von Eltern oder gar Frauen und Kindern getrennt gewesen.

Weihnachtszeit im Bahnhof Bern. Reisende nach Italien verkürzen sich die Wartezeit mit Musik, 1958, © SBB Historic

Der Weihnachtsverkehr in den Süden war so gross, dass er teilweise mittels Sonderzügen ab den grossen Schweizer Bahnhöfen bewältigt werden musste. Aber natürlich bot und bietet auch der Regelverkehr bereits unzählige Gründe für grosse und kleine Gefühle.

Ins Militär, zum Fischen oder Bergsteigen: von Bern aus natürlich mit der Bahn, wie uns diese Werbefotografie Mitte 1960er Jahre deutlich machen will. © SBB Historic

 

Treffpunkt.

Nun gibt es aber auch bahnhofsspezifische Gefühlsorte. Im Bahnhof Bern ist ein solcher das sogenannte Caran d’Ache-Fenster, ein Werbefenster der bekannten Farbstiftmarke. Als Alternative zum klassischen «Treffpunkt» im Bahnhof war das Fenster besonders bei Familien beliebt, wurde den Kindern dort doch auf einfache Weise die Wartezeit vertrieben. Als ich Kind war, unterhielten uns sich roboterartig bewegende Plüschbären, die zeichneten oder im Winter Schlitten fuhren.

Die Personenunterführung im Bahnhof Bern um 1936 mit der prägenden Werbefläche von Caran d’Ache © SBB Historic

 

Erinnerungsorte.

Ein Bahnhof ist aber auch ein Ort der Veränderung. Liebgewonnene oder spezielle Orte verschwinden und manchmal entsteht dabei das Bedürfnis, sich erinnern zu können. So auch am Bahnhof Bern.

Ursprünglich hiess die Gasse zwischen altem Bahnhof und Burgerspital wegen der dort gelegenen Eilgutexpedition «Eilgutgasse». Bald wurde aber als einziges Eilgut nur noch die Milch über die darauf im Volksmund «Milchgässli» genannte Strasse angekarrt. Mit dem Abbruch des alten Bahnhofs verschwand die Gasse 1970 vollständig. Von 1983 bis 2007 erinnerten dann einbetonierte Milchkannen des Künstlers Ueli Berger an die verschwundene Gasse. Sei es wegen der Milchkannen oder der Geschichte der Gasse, die zur Halbzeit ihres Bestehens einen inoffiziellen Namen trug: Petitionäre versuchten, die Kunst Ueli Bergers auch auf dem neuen Bahnhofplatz zu installieren und zeigten damit, dass ihnen an dem verschwundenen Ort viel liegt.

Das «Milchgässli» 1949, © SBB Historic

 

Marroni aus dem Heizkessel.

Zum Schluss noch mein persönlicher Gefühlsort, der ebenfalls nicht mehr besteht. Eine meiner schönsten Erinnerungen im Bahnhof Bern ist mit einem Marronihäuschen in Form einer Dampflokomotive verbunden. Das Häuschen stand in der Empfangshalle des Aufnahmegebäudes und machte mit einer farbigen Lichterkette auf sich aufmerksam. Die warmen Marroni versüssten und erwärmten meine Reisen zur Winterzeit und die Erinnerung an die dampfende Lok macht mich noch heute froh.

Weiss jemand, ob die Marroni-Lok noch irgendwo im Einsatz ist? Und was liegt oder lag dir an welchem Bahnhof am Herzen?

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2 Kommentare zu “Grosse und kleine Gefühle am Bahnhof.

  1. Im Jahr 1962 reiste ich von Zürich nach La Chaux-de-Fonds. Im Zug ab Biel war ein Kondukteur mit dem ich ins Gespräch kam. Als ich auf dem Heimweg war, d.h. Och machte noch einen Abstecher nach Bern, fragte er mich, ob wir uns nicht anderntags in Bern treffen könnten. Was ich freudig bejahte. Treffpunkt : Unterführung vor dem Caran d’Ache Fenster. So begann eine wunderbare Freundschaft, die im 1964 mit einer Heirat endete. Seither wohne ich in Biel und wir haben 2 tolle Söhne und beide arbeiten ebenfalls bei der SBB. Einer ist Ing. bei der GD SBB in Bern der Andere Leiter Lokpersonal. Mein Mann ist leider nach 42 glücklichen Ehejahren vor 11 Jahren unverhofft verstorben.
    Ich geniesse das Leben mit vielen lieben Freunden und einem 1. Kl. GA.

  2. Mein Schulweg in den 50er war der schönste, den man sich vorstellen kann. Der direkte Weg war quer durch den HB St. Gallen. Anfangs kam ich meistens zu spät in der Schule an, mit der Zeit jedoch habe ich den Zeitplan richtig eingestellt. Was war los?
    Der Geldrückgabeschlitz bei den Zigaretten- und Bonbonsautomaten hat mich richtig angezogen. Auf jedem Weg zur Schule habe ich da zehn oder zwanzig Rappen rausgefischt.
    Dann kamen die „grossen Kassen“ nähmlich die Gepäcksschliessfächer. Da war schon weniger oft, aber grösseres zu holen. So waren die Tage meistens schon am Morgen gerettet.
    Dann gab’s auch noch die Plakatwände in der Unterführung. Manche Anzeigen gefielen, andere musste ich durchstreichen oder wegreissen. Fazit. Ich wurde erwischt, musste beim Bahnhofvorstand betteln, dass er mich nicht verpfeift und dachte die Beschädigungen werden vergessen. Falsch. Mein Lehrer hatte davon Wind bekommen und hat mir nach einer langen Standpauke den Arsch versohlt. Zu Hause gab’s dann noch ein paar Klatschen, weil ich mich erwischen liess und dann war der Fall abgehakt.
    Keine Polizei, keine seitenfüllende Artikel in der Presse, einfach erledigt.
    Ich frage mich immer wieder, wie würde das heute ausgehen?
    Schulverweis, Jugendknast, Kinderheim, etc?
    Das war trotz allem eine schöne Zeit. Leben und leben lassen.

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