«Ich wollte das Bundeshaus – und habe es bekommen».

Rendez-vous mit «Madame Rendez-vous Bundesplatz»: Brigitte Roux ist die Frau hinter dem weltweit einmaligen Licht- und Tonspektakel, das jedes Jahr die Fassade des Bundeshauses erleuchtet und erbeben lässt. Die fantastischen Zeitreisen verzaubern jeweils mehr als eine halbe Million Menschen.

Wer diese Frau hört, staunt erst mal: Sie spricht mit einer sehr tiefen Stimme. «Mit dem Rauchen hat das nichts zu tun», lacht sie, «das ist mein Markenzeichen seit meiner Kindheit.» Ein kleiner Defekt an den Stimmbändern – auch ihn weiss sie positiv zu nutzen: «Die tiefe Stimmlage verleiht mir Autorität, und die kann ich in meinen unzähligen Verhandlungen oft gut gebrauchen.» Was die eher zierliche Frau da im Kampf gegen Windmühlen durchgeboxt hat, überrascht nachhaltig. Jahr für Jahr versammelt sie im Oktober und November sechs Wochen lang Abend für Abend Tausende auf dem Berner Bundesplatz. Aus dem In- und Ausland pilgern sie zum politischen Zentrum des Landes und erleben, wie das Bundeshaus zum Märchenschloss wird. Farbig erstrahlt das grünlichgraue Gebäude, getaucht in majestätische Sounds verwandelt sich die Fassade fortwährend, bis sie bröckelt, in sich zusammenfällt – und aufersteht, als wäre nichts gewesen.

Von Madeira in die Berner Innenstadt.
Es begann auf ihren Reisen. «Unterwegs kommen mir die besten Ideen», sagt Brigitte Roux und beginnt zu sprudeln. In Frankreich, in Lyon und Nancy zum Beispiel sah sie «Son et Lumière». Im Dezember 2006 aber erlebte sie auf der Insel Madeira eine Weihnachtsinszenierung, die ihr Leben veränderte. «Das Lichtspektakel in der kleinen Hafenstadt Funchal hat mich nicht mehr losgelassen», erinnert sie sich, «diese leuchtenden, bewegten und bewegenden Bilder, dieses faszinierende Gesamtkonzept, das über ein Anstrahlen von Gebäuden weit hinausging, wollte ich unbedingt in die Schweiz bringen. Ich kam nach Hause und gründete am nächsten Tag meine eigene Firma in diesem Bereich.»

«Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.» Brigitte Roux (nach Hermann Hesse)

Mit Zuversicht und Hermann Hesse ans Ziel.
Das ist Brigitte Roux: Visionärin und Unternehmerin. Eine Kreative, die mit beiden Füssen auf dem Boden steht. Spontan aber verbindlich ist sie, beharrlich und bisweilen sehr hartnäckig. Das war gerade in der Startphase dieses riesigen Projektes auch nötig, denn angesagt war in der Schweiz vorerst mal eine Tunnelfahrt – ein langer Weg durch Verwaltungen und Institutionen. Brigitte Roux sieht immer das Licht am Ende des Tunnels. Durchs Leben, sagt sie, gehe sie ganz nach dem Motto von Hermann Hesse: «Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.»

«Allen war klar, dass es um mehr ging als um ein paar Schweizerkreuze am Bundeshaus.»
Brigitte Roux

Die Reise des Projektes begann in Zürich. Die Stadt suchte ein neues Konzept für ihre Weihnachtsbeleuchtung. «Ich wollte über der Limmat Lichter zum Tanzen bringen», erzählt Brigitte Roux, «an der Fassade der Nationalbank ein Licht- und Tonspektakel inszenieren, über der Bahnhofstrasse einen Sternenteppich weben und auf der Pestalozzi-Wiese für die Kinder eine leuchtende Märchenlandschaft installieren.» Gute Idee, sagten viele, aber eben: So etwas benötigt nebst viel Enthusiasmus auch viel Geld. «Die Finanzierung ist heute noch die Haupthürde», erklärt Roux, «immerhin beläuft sich das Budget der Show auf rund eine Million Franken.» In Zürich war es die Finanzkrise, welche die gute Idee zu Fall brachte – die Grossbank, die Sponsorin werden wollte, musste ihr gesamtes Kulturbudget streichen.

Vom 14. Oktober bis 26. November: So haben Sie das Bundeshaus garantiert noch nie gesehen.
Vom 14. Oktober bis 26. November: So haben Sie das Bundeshaus garantiert noch nie gesehen.

Als würden 200 000 Kerzen gleichzeitig brennen.
Roux reiste weiter – nach Basel. Dort wollte sie das Münster illuminieren; die Verantwortlichen jedoch versuchten, sie und ihre Idee auf das Muba-Areal zu verbannen. In solchen Situationen versteht diese wirblige Frau keinen Spass. «Nicht mit mir», sagte sie und reiste ab. «Auf der Rückreise bereits wurde mir klar: Ich wollte das Bundeshaus – und habe es bekommen.» Natürlich kam es zuerst wiederum zu Auseinandersetzungen mit dem Amtsschimmel, diesmal nicht bloss auf Gemeinde-, sondern auch auf Bundesebene. «Es war ein richtiger Spiessrutenlauf», rekapituliert Roux – nach erfolgreichem Kampf sichtlich amüsiert. Der Stadtpräsident involvierte das Berner Veranstaltungsmanagement, Gewerbepolizei, Hoch- und Tiefbauamt wurden begrüsst, die Gastrovereinigung und der Denkmalschutz, schliesslich die gesamte Stadtregierung – und dazu die Schweizerische Eidgenossenschaft, vertreten durch die Parlamentsdienste. «Allen war klar, dass es um mehr ging als um ein paar Schweizerkreuze am Bundeshaus.»

Es ging darum, eine «heilige Fassade» zu bespielen, also um Reglemente. Und es ging um Technik: Drei Kabinen mit insgesamt zehn gigantischen Projektoren sind dieses Jahr im Einsatz. «Wir beleuchten die Fassade mit 280 000 Ansilumen, das ist wie wenn 200 000 Kerzen brennen würden.» Dazu kommen Sound und Sicherheit, Verkehr und Verpflegung – und spezielle Ereignisse wie eine Parlamentarier-Tagung, die Session oder der Zibelemärit. Und: Die Finanzierung, wie gesagt. «Im ersten Jahr habe ich alles mithilfe von Erspartem und von Darlehen selber berappt. Denn ich habe immer an dieses Projekt geglaubt.» Am 14. Oktober 2011 war Premiere. «Etwa 250 Leute standen auf dem Platz, und alle staunten. 2015 waren es bereits 15 000 Besucherinnen und Besucher.»

Die politische und die humanitäre Schweiz vereint: Brigitte Roux erzählt Geschichte(n) aus Ton und Licht.
Die politische und die humanitäre Schweiz vereint: Brigitte Roux erzählt Geschichte(n) aus Ton und Licht.

Die Frau mit vielen Eigenschaften.
Heute sind es Sponsoren, die namhafte Beträge sprechen, «obschon dieses Rendez-vous immer einen kulturellen und nicht einen kommerziellen Hintergrund hat. Die künstlerische Freiheit behalte ich mir stets offen.» Oft wird Brigitte Roux gefragt, wie sie das alles geschafft hat und immer wieder schafft. Hinter der Brille funkeln ihre klaren Augen. Die Zürcherin, die Bern erobert hat, fixiert das Gegenüber. Und mit ihrer tiefen Stimme sagt die kleine grosse Frau bestimmt und ohne Platz für Zweifel: «Für so etwas braucht es Fantasie, Leidenschaft, Hartnäckigkeit, Hingabe, Enthusiasmus, Sorgfalt, Mut, Kreativität – und je eine gesunde Prise Naivität und Kühnheit.»

Die diesjährige Show.
Oktober bis 26. November 2016, Bundesplatz Bern. Jeden Abend um 19 Uhr und 20.30 Uhr, Donnerstag bis Samstag zusätzlich um 21.30 Uhr. Thema: 150 Jahre Schweizerisches Rotes Kreuz, Titel: «Tutti Fratelli».

150 Jahre SRK.
Das Schweizerische Rote Kreuz wurde 1859 auf dem Schlachtfeld von Solferino geboren: Angesichts von Zehntausenden Verletzten forderte der Genfer Henry Dunant die Mächtigen auf, eine unparteiliche Hilfsorganisation zu gründen. 1863 riefen Dunant, General Dufour und andere das Internationale Komitee vom Roten Kreuz IKRK ins Leben. Zusammen mit Bundesrat Jakob Dubs gründete Dufour 1866 den «Hülfsverein für schweizerische Wehrmänner und deren Familien», das heutige Schweizerische Rote Kreuz SRK. Im In- und Ausland setzt sich das SRK für Hilfsbedürftige ein. Menschlichkeit ist einer der zentralen Werte des SRK und Thema des diesjährigen Licht- und Tonspektakels «Rendez-vous Bundesplatz».

Profitieren Sie von 10 % Ermässigung auf die Hin- und Rückfahrt mit dem ö.V., 20 % Rabatt auf die Übernachtung in einem Partnerhotel in Bern und einem vergünstigten Konsumationsgutschein für die Partnerrestaurants. Das Angebot ist gültig bis am 26. November 2016. Alle Informationen und Bestellungen unter sbb.ch/rendezvousbundesplatz.

 

Zur Person.
Brigitte Roux, geboren 1957, machte ihre Ausbildung in einer Werbeagentur und eine Weiterbildung als Marketingleiterin. Mit 25 wurde sie selbstständige PR- und Kommunikations- Beraterin. Seit 2006 ist sie Inhaberin von «Starlight Events», seit 2011 produziert sie, zusammen mit rund 35 Beteiligten, das Licht- und Tonspektakel «Rendez-vous Bundesplatz ». Brigitte Roux lebt in Kilchberg bei Zürich.

 

via_9Dieser Artikel erschien in der November-Ausgabe 2016 der Zeitschrift via. Das Magazin des öffentlichen Verkehrs ist an (fast) jedem Bahnhof kostenlos erhältlich.

Text: Daniel Lüthi; Fotos: Gian Marco Castelberg

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