Im Nachtzug nach Timişoara.

Im Osten war ich nie. Vor einem Jahr dann habe ich mich einer Gruppe Jugendlicher aus der Region angeschlossen, die Jahr für Jahr ein Kinderheim im Nordosten Rumäniens unterstützen und  jeweils im Sommer ein Lager mit den Kindern und Jugendlichen organisieren.

Also ab nach Rumänien! Schnell und bequem mit Flugzeug und Bus auf der organisierten Gruppenreise klang für mich jedoch wenig reizvoll.

So liess sich ein Freund aus der Gruppe für den Vorschlag begeistern, mit dem Zug ins Karpatenland zu reisen und dabei keinen Ortsnamen auszulassen, der sich auch nur entfernt abenteuerlich oder verheissungsvoll anhörte. Schnell war klar, ein Interrail muss her!

Doch es kommt immer anders. Wenige Stunden vor der Abreise kam die Absage meines Begleiters, der durch einen negativen Prüfungsentscheid gezwungen wurde, zugunsten der Vorbereitung für die Nachprüfung alles abzusagen.

Nun gut, dann eben alleine. Ohne es zu wissen, machte ich damit meine erste typische Interrail-Erfahrung. Denn in den kommenden 22 Tagen sollte wenig so kommen, wie es gedacht war.

Badischer Bahnhof Basel–München–Salzburg–Graz

Laute Ballermann-Lieder und Leute, die in den frühen Morgenstunden Bratwürste und Bier in München HB verzehrten, liessen mich gleich den nächsten Zug nehmen. Doch Mozartkugeln mochte ich auch nicht besonders, und so folgte ich dem Rat einer mitreisenden älteren Dame, ich solle ihre wunderschöne Heimatstadt Graz besuchen.

Was für ein Ratschlag! Bei einem Rundgang durch die beeindruckende Altstadt bewunderte ich die sorgsam erhaltenen Gebäude. In einem der pittoresken Cafés stärkte ich mich und machte Bekanntschaft mit einigen Studenten, die mir vom unweit gelegenen Balaton, dem grössten Binnensee Mitteleuropas erzählten.

Zur Mittagszeit erreichte ich Keszthely, eine Kleinstadt am See. Allen Naturfreunden sei dieser Ort wärmstens empfohlen; selten zuvor habe ich eine solche Umgebung gesehen. Trotzdem machte ich mich bald wieder auf nach Budapest, um meinem Zielland ein gutes Stück näher zu kommen.

Mit Budapest machte ich insbesondere auf späteren Reisen nähere Bekanntschaft, doch beliess ich es für dieses erste Mal bei einem Stadtbummel und schnell war klar, die ungarische Hauptstadt ist immer wieder eine Reise wert.

Im Nachtzug nach Timişoara folgte eine Begegnung mit einem Alleinreisenden aus Belgien, der viel über Rumänien zu erzählen wusste und das Land bereits unzählige Male bereist hatte. Alleine ist man auf Interrail nie, immer kam ich ins Gespräch. Die wundervollsten Geschichten über unbekannte Orte und Städte kriegst Du zu hören und überall hätte ich aussteigen können, so reizvoll war dieses Zugfahren in der Ferne!

Unsere Wege trennten sich, da ich Bukarest anvisierte und es mich ans Schwarze Meer zog. Ihn hingegen führte es ins siebenbürgische Brașov inmitten der Transylvanischen Wälder, Herkunftsort Graf Draculas. Klar würde ich eines Tages den Erzählungen folgen müssen und auch die Karpaten bereisen. So viele Verlockungen!

Die gab es jedoch auch im Zug nach Bukarest, denn im rumänischen Zugsverkehr geht es bisweilen recht lustig zu. Bunt gekleidete Frauen bieten an den Zwischenstationen Nüsse und Getränke an und Mitreisende laden auch gerne mal zum gemeinsamen Essen ein. Die Gastfreundschaft wurde mir herzlich zuteil und so sass ich schnell inmitten einer Kinderschar und ass  Kuchen und trank Tee.

Die Verständigung war mit einem Sprachführer auch kein Problem. Im Gegenteil, die Menschen freuten sich auch über meine umständlichsten Sprechversuche  und plauderten fröhlich drauflos.

In Bukarest stolperte ich unvermittelt über zwei am Boden sich ausruhende Backpacker, die mich sogleich ansprachen und kurz darauf war ich bereits in Begleitung nach Mangalia unterwegs.

Unweit der Kleinstadt befände sich ein kleiner Ort nahe der bulgarischen Grenze, den sie besuchen wollten, wie sie erzählten.

Das kleine Dorf Vama Veche verwandelt sich im Sommer zu einem lebendigen Anziehungspunkt der vorwiegend rumänischen Jugend, die fern der Massenstrände in Mamaia einige unbeschwerte Tage verbringt. Und Vama war ein einziger Traum! Sorglose Menschen in Zelten oder zu Gast bei den Einheimischen im Garten unter freiem Himmel, die alle das leichte Leben feierten. Und immerzu die Musik, sei es an kleinen Konzerten abends am Strand oder in kleinen Runden am Feuer mit Gitarre und Trommel.

Nun gut, vielleicht wurde ich da unter der rumänischen Sonne auch etwas zu sorglos, schliesslich bemerkte ich nach einiger Zeit den Verlust meines Portemonnaies, natürlich inklusive Ausweis und Bankkarte. Na toll.

So sah ich mich bereits genötigt, irgendwie zur schweizerischen Botschaft in Bukarest zu kommen oder sonst irgendeine Lösung zu finden.

Endete diese Reise wirklich so? Ernst jetzt?

Natürlich kam es anders, kommt es ja immer! Meine unerschütterlich optimistischen Begleiter ermunterten mich, zu versuchen,  die Angelegenheit am nächsten Morgen zu erledigen und so blieb mir nur das Vergessen und so taten wir einfach, was alle um uns herum taten: Feiern nämlich!

Und wirklich, mit der aufgehenden Sonne tauchte auch mein Portemonnaie wieder auf!

Manchmal kommt es dann sogar noch besser. Bei einem Strandspaziergang begegnete mir zufällig ein Bekannter aus der Schule, der mit seinem rumänischen Freund die Sommerferien am Meer verbrachte. Dieser lud mich sogleich ein, etwas  später mit ihnen nach Bukarest zurückzukehren und einige Tage bei seiner Familie zu verbringen.

So kam ich in den Genuss, die rumänische Hauptstadt auf besondere Weise kennenlernen zu können. Nach einem Zwischenhalt in der wunderschönen Schwarzmeerstadt Constanța verbrachte ich dann die letzten Tage in dieser Stadt, die ihrem Besucher ihre Schönheit wohl erst auf den zweiten Blick offenbart.

Auf ausgedehnten Streifzügen erkundeten wir das unübersichtliche Gewirr von Strassen und Boulevards, die mich etwas an Paris erinnerten und einen bleibenden Eindruck hinterliessen.

Meine letzte Zugfahrt führte mich dann ins Herz der Region Moldova im Nordosten des Landes, wo ich wie vereinbart in Pașcani dem Zug entstieg und dort empfangen wurde.

Glücklicherweise war ich zwei Tage zu früh, sodass ich vor Beginn des Sommerlagers etwas Zeit hatte, die Erlebnisse zu sortieren und auch zu erzählen.

Seither zieht es mich immer wieder in die östlichen Länder Europas, die mit Interrail gut zu bereisen sind und wo ich Unvergessliches erlebt habe. Viel Spass!

Jeremias.jpg Mein Name ist Jeremias, ich bin 22 und bald bin ich wieder unterwegs. Normalerweise lebe ich in Basel, wo ich eine Lehre im Verkauf abgeschlossen habe und seit einigen Jahren wohne. Ab Sommer reise ich mit Freunden und Bus durch Osteuropa, die Türkei und Griechenland. Was danach kommt, weiss ich noch nicht, aber das ist doch gut, oder?

 

Informationen zu den InterRail-Pässen: www.sbb.ch/interrail

Titelbild: Anthony Volodkin (sights set), CC BY-SA 2.0

87 Artikel

Ein Kommentar zu “Im Nachtzug nach Timişoara.

Alle Kommentare anzeigen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.