Für guten Empfang.

Ich sitze im Zug und schreibe diesen Text, während wir durch einen Tunnel fahren. Hinter mir telefoniert jemand leise und ich speichere meinen Text in der Cloud. Bis vor Kurzem habe ich mir nicht viel dabei gedacht, doch seit ein paar Tagen verstehe ich besser, was dazu alles notwendig ist.

Bei meiner Tourvorbereitung staunte ich kürzlich nicht schlecht. Die eingetragene Tour war doch sehr speziell: Sie enthielt ausschliesslich Fahrten in den Tunnels zwischen Zürich HB, Stadelhofen und Tiefenbrunnen. Rund zehn Mal hin und her und das mitten in der Nacht. Was konnte das nur sein? Die Zusatzinformationen im Zirkular lösten das Rätsel: Ich war auf einem Funkmesszug eingeteilt.

Der Funkmesswagen (Mewa12) hinter einer Lok vom Typ Re 420.
Der Funkmesswagen (Mewa12) hinter einer Lok vom Typ Re 420.

Es ist Sonntagnacht gegen 23 Uhr. Der gelbe Funkmesswagen befindet sich zwischen einer älteren Lok vom Typ Re 420 und einem noch älteren Steuerwagen. Ich bereite den Zug vor, um wenig später die erste Fahrt zu beginnen. Die Fahrten sind für mich recht fordernd. Während über vier Stunden rüste ich auf, rangiere, fahre und rüste wieder ab, nur um mit der nächsten Zugnummer das Ganze von Neuem zu beginnen. Morgens um 2:30 Uhr ist mein Dienst zu Ende und im Messplan gibt es eine kurze Pause. Markus Abt, der in dieser Nacht die Messgeräte bedient, hat nun etwas Zeit, um mir seinen Arbeitsplatz zu zeigen.

Markus Abt an seinem Arbeitsplatz.
Markus Abt an seinem Arbeitsplatz.

Als erstes gibt mir Markus einen feinen Kaffee aus der bordeigenen Kaffeemaschine. «Eigentlich gäbe es in den Tunnels keinen Empfang», erklärt mir Markus als Erstes. «Bei den Tunnelportalen stehen Kopfstationen (Masterunits), die die Funksignale via Glasfaserkabel zu den Tunnelfunkstellen (Remoteunits) leiten. Und das funktioniert auch umgekehrt: Die im Tunnel empfangenen Signale werden nach draussen geführt. Das Ganze heisst Tunnelfunkanlage und ist von der Funktion her mit einer «komplexen Antenne» zu vergleichen». Von den Tunnelfunkstellen werden die Funksignale auf sogenannte «Strahlende Kabel» (auch Leakyfeeder genannt) und von da auf den Zug gesendet. Messungen zur Überprüfung der Tunnelfunkanlagen finden regelmässig statt, so wie heute.

Messungen zur Überprüfung der Tunnelfunkanlagen finden regelmässig statt.
Messungen zur Überprüfung der Tunnelfunkanlagen finden regelmässig statt.

Der Funkmesswagen (Mewa12) ist bereits der dritte seiner Art und wurde im Hinblick auf die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels neu zusammengestellt. Auf seinem Dach sind Antennen wie Zinnen einer Burg aufgereiht. Übrigens wurde genau dieser Wagen für die Übertragung der Kamerasignale aus dem Festzug bei den Feierlichkeiten zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels genutzt. Zwei Aufkleber vom Schweizer Fernsehen erinnern daran.

Technik bis zur Decke.
Technik bis zur Decke.

In Racks, die bis unter die Decke reichen, reiht sich Messgerät an Messgerät. Unscheinbar, aber sehr wichtig ist die hochpräzise Positionsbestimmung. «Im Innern von Tunnels gibt es keinen GPS-Empfang», erklärt mir Markus. «Deshalb werden die Positionsdaten mit einem Gerät ermittelt, das unter anderem einen «Kreiselkompass» wie bei Flugzeugen enthält. Es ist so genau, dass wir sogar sehen, auf welchem Gleis wir uns befinden». Die aktuelle Position wird auf einer elektronischen Karte angezeigt.

Die Positionsdaten werden ermittelt und auf einer Karte angezeigt.
Die Positionsdaten werden ermittelt und auf einer Karte angezeigt.

Verschiedene Empfänger und Analysegeräte messen die Funksignale der einzelnen Funkbänder. Die tiefsten gemessenen Frequenzen liegen bei rund 380 MHz und werden für Notrufdienste wie bei der Polizei oder der Feuerwehr eingesetzt. Bei 900 MHz liegt das bahneigene Funknetz GSM-R gefolgt vom öffentlichen Mobiltelefonnetz. Es folgen die Frequenzen im Gigahertzbereich für das etwas neuere UMTS (3G) und den neusten Standard LTE (4G).

Auf jeder meiner Fahrten wurden andere Frequenzen gemessen. «Bei derart hohen Frequenzen können wenige Zentimeter bereits einen Unterschied in der Signalstärke ausmachen. Deshalb messen wir auch immer in beide Fahrtrichtungen. Die Messungen erfolgen alle fünf Zentimeter», erklärt Markus Abt.

Im Sitzungsraum werden die Messdaten analysiert.
Im Sitzungsraum werden die Messdaten analysiert.

Zum Schluss zeigt er mir noch die anderen Abschnitte des Wagens. In der Mitte gibt es einen Sitzungsraum mit Bildschirmen, auf denen die gewünschten Messdaten angezeigt und analysiert werden können. Am Wagenende befindet sich die Stromversorgung. Normalerweise stammt der Strom aus dem Heizkabel der Lok oder von den Batterien. Entleeren sich diese zu stark, springt ein Dieselgenerator an. Ein klein wenig analoge Technik steht aber trotzdem noch im Messwagen: Besucher des Wagens erhalten ein Edmondsonsches Kartonbillett, das extra für den Messwagen erstellt wurde.

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4 Kommentare zu “Für guten Empfang.

  1. Sehr interessanter Artikel, ich frage mich nun aber warum man zwischen Stadelhofen und Stettbach auch im Jahr 2017 in der S-Bahn NULL Datenempfang hat.

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