Nachtschicht.

Es ist drei Uhr zehn, mein Wecker  macht «tü-tü-tü-tüd». Verschlafen reibe ich mir die Augen und so weiter und so fort … Die Geschichte kennen Sie sicher. Ja, das ist so. Wir Lokführer stehen oft sehr früh auf. Aber nicht immer! Ähnlich oft dürfen wir richtig lange aufbleiben und ganz spät ins Bett. Dann, wenn anständige Leute schon längst tief schlafen, endet unser Dienst. Auch die letzte Imbissbude hat nun geschlossen, die Beleuchtung draussen auf den Strassen ist reduziert, die Rollgitter, welche das Bahnhofsgelände sichern, wurden heruntergelassen. Die Spatzen halten Nachtruhe. Im Bahnhof Zürich hat es keine Passagiere mehr. Aber er ist dennoch nicht ausgestorben.

Wenn der letzte Zug angekommen oder weggestellt ist, beginnt die Zeit der orangen Nachtmenschen. Einiges sieht echt faszinierend aus. Zum Beispiel das Schweissen der Schienen. Thermit, eine Mischung aus Eisenoxid und Aluminiumgranulat, wird oberhalb der Schiene in ein feuerfestes Gefäss gebracht und angezündet. Es beginnt zu zischen und brodeln, Funken fliegen und weiss-glühendes Metall schweisst die beiden Schienenstösse zusammen. Die Hitze ist im Gesicht spürbar. Nach dem Auskühlen schlagen starke Arme mit einem schweren Hammer die überflüssigen Teile weg. Mit einer Schruppscheibe wird das Ganze dann noch zurecht geschliffen, was natürlich wieder ein ansehnliches Feuerwerk gibt.

Thermitschweissen: Aufnahmen mit dem iPhone von Markus Leutwyler.

Die Köpfe der Schienen müssen regelmässig abgeschliffen werden, damit sie das richtige Profil aufweisen. Dies macht eine Maschine auf Rädern. Langsam bewegt sich dieser Nachtdrache vorwärts und schleift, was das Zeug hält. Die Funken springen da und dort auf Holzschwellen, sodass es wie im Napfgebiet riecht, wenn die Köhler ihre Meiler anzünden.

Die Nacht ist auch zum Putzen da. So richtig gründlich meine ich. Da werden tausende Kaugummis «weggekärchert». Auch zwischen den Schienen ist es nicht immer appetitlich. Die unschönen Hinterlassenschaften werden weggesaugt. Die Saugmaschine ist eigentlich für die Strasse konstruiert, Eisenbahnräder machen sie schienentauglich.

Arbeiten an der Fahrleitung sind eine andere typische Nachtarbeit. Das Gleis wird gesperrt, die Fahrleitung ausgeschaltet und geerdet. Nun kann an Drähten hantiert werden, durch die normalerweise hunderte Ampère Strom fliessen und 15 000 Volt anliegen. Unheimlich!

Gleise müssen auch mal erneuert werden. Ein Gleiswechsel ist eine logistische Herausforderung, vergleichbar mit einer Operation unter Vollnarkose. Die Baustelle ist schmal aber lang. Die alten Schienen werden samt Schwellen aus dem Schotterbett gezupft. Der Schotter wird ersetzt oder ergänzt. Neue, bereits mit Schwellen versehene Schienen werden wieder abgelegt und automatisch «gegrampt». Grampen bezeichnet das Verdichten des Schotters mit vibrierenden, löffelartigen Werkzeugen und ist ziemlich lärmig. Die automatischen Maschinen können nicht alles. Man sieht immer wieder Arbeiter, die von Hand grampen. Die Grampgeräte wirken auf mich ziemlich schwer und den Muckis der Arbeiter nach zu urteilen, sind sie es wohl auch. Erstaunlich ist, dass am Morgen um fünf Uhr jeweils alles wieder fertig ist und die Geleise befahrbar sind, als wäre nichts gewesen.

Gleiswechsel: Video von Rosmarie Hubmann (1999).

Und wieso bin ich als Lokführer noch wach? Ich bringe beispielsweise einen Zug in die Unterhaltsanlage Herdern, wo er innen gereinigt und repariert wird. Oder dann muss ein Zug von der Ver- und Entsorgung weggestellt werden, um Platz für den nächsten zu machen. Hier, gleich vis-a-vis vom Bahnhof Hardbrücke, können die WC der ICN geleert und die Wassertanks aufgefüllt werden. Vielleicht habe ich auch Disporeserve und hoffe, dass alles ruhig bleibt. Ich sitze dann im Lokführerzimmer, lese das «Locofolio», unterhalte mich mit Kollegen oder döse ein bisschen. Sollte irgendwo ein Lokführer ausfallen, werde ich kontaktiert, um seine Folgeleistungen zu übernehmen.

Der Bahnbetrieb hat einen spürbaren Puls, etwas schneller am Tag, etwas langsamer in der Nacht. Aber stillstehen tut er nie. So ist es nicht selten, dass man auf dem Heimweg einer Kollegin oder einem Kollegen begegnet, der jetzt seinen Dienst beginnt. Wahrscheinlich hat sein Wecker um drei Uhr zehn «tü-tü-tü-tüd» gemacht und noch etwas verschlafen… ja, eben. Schlafen! Gutes Stichwort.

Gute Nacht! Und bitte bis 12 Uhr mittags kein Einschreiben und kein Anruf der deutschen Klassenlotterie. Milch oder Zucker leihe ich wieder am Nachmittag. Jan, Deinen Fussball darfst Du aus meinem Garten holen, ohne vorher zu fragen. Danke!

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