Pokémania im Hauptbahnhof.

«Du musst schreiben, dass ich ein guter Pokémon-Fänger bin», meint mein Sohn im Zug von Luzern zurück nach Hause. Er hat in der Tat ein sehr treffsicheres Händchen. Der Akku meines Smartphones ist leer, ebenfalls die Wasserflasche und das Fressrucksäckli. Dafür sind wir zwei Levels aufgestiegen, haben Dutzende Pokémons gefangen und viele «Items» bekommen. Wir sind müde aber glücklich.

An den kleinen Monstern von «Pokémon Go» kommt zur Zeit niemand vorbei. Ich kenne mich mit Computerspielen überhaupt nicht aus. Aber die Idee, in der echten Welt herumzulaufen und Mönsterli zu fangen, fand ich spannend. Die Mönsterli sehen auch irgendwie herzig aus. Und etwas Bewegung kann mir sicher nicht schaden…

Poké-was…?

An realen Orten «verstecken» sich die Pokémons, von denen es weit über hundert verschiedene Typen gibt. Häufige und seltene, schwache und starke. Ist die App geöffnet, werden die Pokémons auf dem Bildschirm sichtbar. Die Pokémons werden gefangen, indem man Bälle nach ihnen «wirft», also eine Wischbewegung auf dem Touchscreen ausführt. Fortgeschrittene Spieler können ihre Monster in Arenen gegen andere kämpfen lassen und je nach eigener Stärke Herr über die Arena werden. Sympathisch finde ich, dass die Pokémons nicht sterben. Sie sind zwar erschöpft, gewinnen dafür aber an Erfahrung. Genauso wie mein Sohn und ich. Ebenfalls wichtig sind die Pokéstops, bei welchen man Bälle, Stärkungstränke und andere nützliche Items bekommt.

Wenn ein Pokémon auftaucht, nimmt die Smartphone-Kamera Bilder der realen Umgebung auf und kopiert das computergezeichnete Viechli in das Bild. So entsteht der Eindruck eines Pokémons in der realen Landschaft. Das ist manchmal sehr lustig. Diese Funktion (augmented reality) kann aber auch ausgeschaltet werden, was ich ambitionierten Spielern empfehle. Das Fangen ist dann einfacher und die ahnungslosen Personen in der Umgebung meinen nicht, sie würden fotografiert.

Es gibt keinen Grund, kopflos den Monstern nachzurennen. Erscheint eins auf dem Bildschirm, kann es dort gefangen werden, wo man gerade steht. Eine einfache Regel, die generell im Leben hilft, ist auch bei Pokémon Go sinnvoll: Nur eine Tätigkeit aufs Mal ausüben. Spielen während dem Autofahren, dem Gehen oder auch wenn man sich mit jemandem unterhält, ist eindeutig keine gute Idee. Das ist nicht anders als bei SMS oder Whatsapp.

Nach Luzern sind mein Sohn und ich extra gefahren, weil in Städten die Dichte an Items und Pokémons generell sehr hoch ist. Wir sind mehrere Stunden herumgelaufen und haben einen tollen Nachmittag zusammen verbracht. Liegen mehrere Pokéstops nahe beieinander, trifft man dort auf viele andere Spieler. Taucht ein seltenes oder besonders starkes Pokémon auf, ist deutlich die Nervosität und Euphorie zu spüren. Als hätte die eigene Fussballnationalmannschaft ein Tor geschossen.

Nachts im Hauptbahnhof.

Ein besonders ertragreicher Jagdgrund ist der Zürcher Hauptbahnhof. Tagsüber sitzen und stehen dort meist schätzungsweise gegen zweihundert Pokémon-Jäger und viele bleiben bis spät in die Nacht. Neulich habe ich nach einem Spätdienst noch einen Spaziergang durch die Stadt angehängt. Selbst um Mitternacht trifft man dabei auf andere Spieler. Das gemeinsame Thema macht es einfach, Kontakt aufzunehmen. Bei der ETH habe ich einen Studenten aus Deutschland getroffen. Mit vereinten Kräften haben wir eine Arena erobert. Eine englisch sprechende Frau und ihr Freund aus Indien stiessen dazu. Voller Stolz platzierten wir unsere besten Kämpfer. Doch schon einige Minuten später wurden wir wieder rausgekickt. Gegen halb zwei war ich zurück im HB. Noch immer waren rund zwei Dutzend Spieler anwesend. Ein Sicherheitsmann machte die Runde und schickte sie nach Hause. Auch Pokémons brauchen Nachtruhe!

Treffpunkt_Pokemon_Go
Der Hauptbahnhof in Zürich: Ein beliebter Treffpunkt für Pokémon-Jäger.

 

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