Vertrauen ist gut.

Zäher Nebel liegt seit Tagen über dem Mittelland. Mein Regioexpress rauscht durch das einheitliche Grau. Das Landschaftspanorama hat Sendepause. Ab und zu taucht ein Signal aus dem Nichts auf. Zwei grüne Lampen, schräg nach oben angeordnet. Alles in Ordnung. Die Nadel auf dem Tacho zeigt auf 130 km/h. Eine leichte Linkskurve, ein leichtes Gefälle. Othmarsingen.

«Schon verrückt», denke ich. Was jetzt vor mir auftaucht, ist keine Sekunde später bereits an mir vorbeigehuscht. Im wahrsten Sinne des Worts muss ich blind darauf vertrauen, dass für meine reibungslose Fahrt alles korrekt vorbereitet ist und zuverlässig funktioniert.

Vertrauen. Mir wird erst jetzt bewusst, welch grosse Bedeutung das hat. Zwar wird mein Lohn in Schweizer Franken bezahlt und auch die Passagiere bezahlen ihre Billette damit. Doch die eigentliche Währung im Bahnbetrieb ist das Vertrauen.

 

Die Schienen unter mir, die hat mal jemand da montiert. Oft fahre ich an Baustellen vorbei, auf denen die Gleisbauer dabei sind, neue Schienen zu verlegen. Und die machen das beeindruckend gut. Einfach ist das nicht! Denn bei Geschwindigkeiten bis zu 200 km/h ist Präzisionsarbeit gefordert. Schon kleine Abweichungen von der Soll-Linie bemerken wir Lokführer als Schlag oder Verwerfung. Natürlich müssen auch die Verschweissungen perfekt halten. Seit ich Lokführer bin, habe ich tausende von Kilometern unter die Räder gebracht. Auf die Schienen – respektive ihre Erbauer – konnte ich mich stets verlassen.

Über mir tanzt die Fahrleitung im Zickzack und da oben soll sie auch bleiben. Immerhin führt sie eine Spannung von 15 000 Volt. Die Fahrleitung ist im Sommer wie im Winter genau richtig gespannt, obwohl sie sich je nach Temperatur ausdehnt oder zusammenzieht. Gute Arbeit!

Im Heitersbergtunnel kündet mir ein Signal eine auf 90 km/h reduzierte Geschwindigkeit an. Über eine Weiche wechsle ich die Seite und fahre jetzt rechts. Meistens fahren wir links. Doch auch rechts muss ich nicht befürchten, dass mir ein Zug entgegenkommt. Darauf kann ich mich voll und ganz verlassen. Gescheite Köpfe haben die Sicherungsanlagen so konstruiert, dass sie derart schwerwiegende Fehler gar nicht erst zulassen. Und zuverlässige Menschen haben die Signale, Gleisfreimeldeeinrichtungen und Überwachungen draussen in der realen Welt installiert. Ich kann auch darauf vertrauen, dass die Zugverkehrsleiterinnen oder der Zugverkehrsleiter in den Betriebszentralen ihr Bestes geben, mich pünktlich und effizient nach Zürich zu leiten.

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Je länger ich nachdenke, desto mehr realisiere ich, wie sehr alles zusammenhängt. Jedem wird Vertrauen geschenkt und jeder schenkt es weiter. Es gibt keinen Bereich, wo Vertrauenswürdigkeit unwichtig wäre. Wir verlassen uns darauf, dass die Züge sorgfältig gewartet werden und dass sie regelmässig geputzt werden. Wir fühlen uns sicher, weil wir wissen, dass im Notfall die Rettungsorganisationen und Sicherheitskräfte zur Verfügung stehen und auf Unvorhergesehenes vorbereitet sind. Wir vertrauen darauf, dass die Menschen im Hintergrund das Geld für den Betrieb und für unsere Löhne beschaffen und sorgsam damit umgehen. Und dass sie das Unternehmen für die Zukunft rüsten.

Bald ist mein Dienst zu Ende. Ich muss gähnen. Der Dienst war lang und die Fahrt im Nebel anstrengend. Was, wenn ich jetzt einfach einschlafe? Das wird nicht passieren. Nicht zuletzt auf mich selbst kann ich mich verlassen.

Vertrauen als Währung. Das gilt auch im Zusammenhang mit unseren Kunden:

Liebe Fahrgäste,

ihr seid die Ersten in der Vertrauenskette. Das Billett bezahlt ihr zwar mit Geld, doch das Vertrauen schenkt ihr uns. Dieses Geschenk ist noch viel wertvoller als das Geld. Wir setzen uns mit Leib und Seele dafür ein, dass wir es nicht verspielen sondern verdienen.

Danke für euer Vertrauen im Jahr 2016!

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6 Kommentare zu “Vertrauen ist gut.

  1. Liebe SBB Alles ist in Bewegung .Wir selbst ,Die Bahn Die Umgebung .Für viele ist Zug fahren ein Tägliches Ritual .Arbeitswege Die S Bahn ist meistens pünktlich.Ihr als Fahrer seit wirklich immer auf Achse danke .Ich fahre schon seit ich denken kann mit dem Zug früher mit der Mittelthurgaubahn und Allen beteiligten Zügen bis ins Bünder Land .Heute im Zürcher Unterland und Umgebung wo der Takt sehr eng ist bewundere Ich das Zusammenspiel des ganzen Unternehmens..So jetzt noch was, wenns mal nicht so glatt geht wie da als vor Örlikon der Brand war und Wir von Der Flughafenzohne nicht mehr weiter kamen .Genau dann ist das Zusammenspiel der Busse der Glatttalbahn und der Sbb offensichtlich .Bravo.auf ein neues Jahr weiter so .

  2. Ich habe ja sowieso größten Respekt vor der SBB und Hochachtung davor wieviel Züge sie präzise und doch taktgenau wie ein Schweizer Uhrwerk ans Ziel bringt. Ein wirklich sehr guter Beitrag von jemanden der seinen Beruf liebt und damit genau der richtige ist. Sie sagen es, das wichtigste ist Vertrauen. Je mehr und umfassender man informiert wird desto größer ist das Vertrauen.

  3. Vielen Dank für Eure Kommentare und das Lob hier im Blog und auf facebook. Es hat mich sehr gefreut, dass dieser Beitrag ein so grosses Echo ausgelöst hat.
    Ich treffe im Alltag immer wieder auf Kolleginnen und Kollegen, für die die Arbeit bei der Bahn mehr als nur ein Job ist. Mein Dank gilt auch ihnen. Wir sind nach wie vor eine grosse „Eisenbahnerfamilie“.

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