Typisch Schweiz: Das Viererabteil.

Wir befinden uns im Jahre 2014 n. Chr. Alle europäischen Bahn-Nationen setzen auf Flugzeugbestuhlung im Grossraumwagen… Alle Bahnnationen? Nein! Ein von vielen ÖV-Nutzenden bevölkertes Land hört nicht auf, Viererabteile zu bauen.

 

Ja, das liebe Viererabteil. Es ist so typisch Schweiz wie das Sackmesser, die Pünktlichkeit und die Waschküchenbenutzungsordnung. Wenn die Ehepaare Hinz und Kunz am Sonntag eine Wanderung unternehmen, klopfen Sie unterwegs dorthin gerne einen Jass: natürlich im Viererabteil! Und ich bediene hier nicht bloss ein Klischee, nein, ich kann die Beliebtheit des Viererabteils beweisen: Gemäss einer Umfrage der SBB reisen 72% der Reisenden gern im Viererabteil – im Fachjargon spricht man übrigens von Vis-à-vis-Bestuhlung. Bei Freizeitreisenden sind es sogar bis zu 99 Prozent.

Nur Weniges ist den Zugfahrenden in der Schweiz ebenso wichtig wie das Viererabteil, nämlich der Mittelgang und die freie Sicht: Denn wenn Herr Kunz einen Fensterplatz ergattert, dann möchte er auch aus dem Fenster gucken – und nicht auf die Wand zwischen zwei Fenstern.

 

Andere Länder, andere Sitze. 

In anderen Bahn-Nationen wie Deutschland oder Österreich verkehren mehr Grossraumwagen mit Flugzeugbestuhlung oder aber Wagen mit geschlossenen Sechserabteilen neben einem Seitengang. Manche Sitze im Grossraumwagen sind sogar drehbar und können (vom Zugpersonal) in Fahrtrichtung ausgerichtet werden, damit sich niemand unfreiwillig mit der nahen Vergangenheit oder mit Reiseübelkeit auseinandersetzen muss.

 

Wieso ist es offensichtlich so, dass das Viererabteil etwas typisch Schweizerisches ist?

Hier sechs plausible Gründe.

  1. Das Viererabteil fördert den Zusammenhalt der Schweiz. Es ermöglicht nämlich, dass Vertreterinnen oder Vertreter der vier Landesteile gemeinsam Zug fahren und sich auf Deutsch, Französisch, Italienisch und sogar Rätoromanisch unterhalten.
  1. Frau Hinz und Herr Kunz sind Rucksackträger. Wohin nun mit den Gepäckstücken, die zu gross sind für die Gepäckablage über den Sitzen oder zu schwer, um sie dort hinauf zu hieven? Die Lösung bietet indirekt das Viererabteil. Zwischen den Sitzrücken zweier Viererabteile entstehen nämlich perfekte Gepäcknischen für Rucksäcke.
  1. In der Schweiz leben über eine halbe Million Hunde. Wenn die Rockys, Lunas und Neros mit Herrchen und Frauchen Zug fahren, brauchen Sie neben einem gültigen Fahrausweis auch Platz. Und Platz machen sie am bequemsten am Boden des Viererabteils.
  1. Fährt Herr Kunz alleine Zug, ist er gerne unterhalten. Im Viererabteil gelingt es leicht, Mitreisende in eine harmlose Plauderei über Wetter, Politik oder attraktive Wanderrouten zu verwickeln. Fehlt ein kommunikatives Gegenüber, eignet sich das Viererabteil auch perfekt dazu, um Mitreisende zu beobachten und zu belauschen. Im Sechserabteil ginge das natürlich auch. Dort muss man die Lauschangriffe – anders als bei Viererabteilen – aber auf maximal fünf Mitreisende beschränken.
  1. Just in dem Moment, in welchem das WC-Lämpchen von Rot auf Grün wechselt und Frau Hinz darum eilig durch den beliebten Mittelgang läuft, kommt ihr ein elvetino-Stewart mit seiner rollenden Minibar entgegen. Was verhindert nun einen unheilvollen Zusammenstoss oder den unangenehmen Umstand, dass Frau Kunz wahlweise mit Bauch oder Hinterteil einem fremden Fahrgast zu nahe kommen muss? Natürlich, das Viererabteil als Ausweichzone.
  1. Die Schweizer sind ein Volk von Wanderern. Nach der Wanderung ziehen nicht wenige Reisende gern die Bergschuhe aus und legen die rot besockten, müden Füsse auf den Sitz gegenüber. Dieses unmögliche Verhalten ist nur möglich im Viererabteil.

 

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6 Kommentare zu “Typisch Schweiz: Das Viererabteil.

  1. Ich finde die 6-er-Abteile, wie es sie früher in vielen Ländern Europas gab und heute gerade noch in älteren Zügen in Italien und Deutschland und einigen anderen Ländern gibt, am angenehmsten.
    Der Nachteil ist nur, dass man damit weniger Plätze in einem Wagen unterbringen konnte, weshalb sich wohl die Großraumwagen verbreitet haben.
    In manchen Ländern gab es auch Großraumwagen, bei denen man die Rücklehnen schnell umklappen konnte, sogar als Fahrgast. So hatte man die Wahl, Viergruppen zu bilden oder sich in Fahrtrichtung zu setzen. Das Sitzen in Fahrtrichtung funktioniert natürlich nur, wenn es nicht zu viele Fahrtrichtungswechsel gibt und ist damit vielleicht gerade in der Schweiz mit häufigen Fahrtrichtungswechseln in Zürich, Bern, Luzern und Basel nicht so geeignet. In anderen Ländern gibt es längere Strecken ohne Fahrtrichtungswechsel.
    Störend an Großraumabteilen mit jeder Form von Bestuhlung ist vor allem die Geräuschkulisse, wenn man etwas lesen will. Es wäre schön, wenn die Ruhewagen wieder eingeführt würden, zumindest für Mo-Fr.

  2. Das der Schweizer ein kommunikativer Mensch ist und gerne mit Fremden Menschen redet ist wohl etwas das überhaupt nicht auf die Mehrheit der Schweizer zutrifft. Eher das Gegenteil ist der Fall. In den seltensten Fällen hab ich miterlebt das der Schweizer mit fremden im Zug ein Gespräch geführt hat. Und wird der Schweizer von fremden angesprochen, so ist es ihm sehr unangenehm mit fremden zu sprechen und das Gespräch wird erst gar kein Gespräch.
    Zudem ist es nicht die feine Art sich in Gesprächen anderer zu bedienen und es als Vergnügen anzusehen zu lauschen was die privates zu erzählen haben.
    Daher, der Vierersitz ist überhaupt nicht was der typische Schweizer dem Zweiersitz bevorzugt. Eher umgekehrt.

    Also von daher hört auf den Schweizer als offenen und kommunikativen Menschen darzustellen, der im Endeffekt in Viererplätzen stundenlang versucht den Augenkontakt zu vermeiden und sich total unwohl dabei fühlt.

    Platziert besser wieder Zweiersitze, sodass man wenigestens auch im vollen Zug die Füsse strecken kann und nicht ständig das verschwitzte Wanderergesicht des Gegenübers ansehen zu müssen.

    Guten Tag

  3. Was bringt mir eine „kommunikative“ 4er-Sitzanordnung, wenn ich sogar in der ersten Klasse, wo man für mehr Platz gerne bezahlt, bei einem vollen Zug immer jemanden vor die Nase gesetzt bekomme? Damit wird der Platzvorteil großteils verschenkt und das Beinlängenproblem des Gegenübers zum eigenen Problem. Niemand hier nutzt das Layout gerade für Gespräche mit Fremden. Und die Passagiere hier reisen bis auf zwei-drei Ausnahmen allein.

    Aber ausstrecken kann ich meine Beine leider auch nicht. Schade. Eine Rückenlehne schaut mich nicht and und streckt nichts in meinen Platz hinein. Eine Wahlmöglichkeit zwischen den Layouts in einem Wagen wäre vielleicht ein Angebot.

  4. Das Zugfahren in der Schweiz ist grauenhaft.
    Allem voran ist der generelle Mangel an Privatshäre. Es gibt nichts unangenehmeres, wie einen Fremden anschauen zu müssen, mit dem man nichts zu tun haben will, und dabei gar noch Körperkontakt zu haben. Sitze, die sich gegenüber stehen, und so nahe zusammen liegen, dass sich selbst bei durchschnittlicher Körpergrösse immer die Knie berühren, sind ein Graus. Und dann hat man noch die Abfallkübel im Weg, so dass man die Knie zum Nachbarn rüber biegen muss. In den S-Bahnen sind die Lehnen nur halbhoch, so dass man sich auch über zwei Abteile noch anstarren darf. Wenn man am Fenster sitzt, und sich 2-3 Leute dazu setzen, kommt man immer in Verlegenheit, wenn man sich zwischen ihnen rein oder raus quetschen muss, und diese sich verrenken oder aufstehen müssen. Selbiges gilt übrigens noch mehr für zweier Sitzpaare (dafür muss man sich da nicht anstarren). Gibt wohl einen Grund warum die Leute immer das absolut bescheurete „Ist da noch frei?“ sagen müssen.
    Und was soll man nur mit der Tasche oder dem Rucksack machen? Unter den Sitz oder auf die dafür gedachte Überkopf-Ablage bekommt man es ohne Akrobatik und alle zu stören nicht hin, und noch weniger wieder weg. Und wenns etwas Schweres ist, kann man froh sein, wenn man es niemandem auf den Kopf fallen läst. Also auf den Schoss nehmen und die sache noch peinlicher machen. Ansonsten kann man damit auch einen weiteren Sitzplatz belegen und sich als Arsch abstempeln lassen.
    Also, nein danke, ich stehe lieber. Aber wo?
    Egal, man steht eh immer im Weg. Im schmalen Gang zwischen den Sitzen kommt man sich sehr bekloppt vor, also lieber in eine Ecke des Eingangsbereichs. Auch in den S-Bahnen ist es nicht besser. Da drückt einem noch ein Ski-/Fahrrad-Halter in den Rücken, oder muss sich irgendwie um den obstrusen Abfallkübel herum positionieren, und natürlich immer den Zugriff zum Türöffner blockieren. Und was macht man, wenn alle Ecken besetzt sind? Man steht in der Mitte und kann sich nirgens festhalten. Aber immernoch besser als sich mit jemandem ein Abteil zu teilen.
    Ich bin sicher Opa, Oma, Familie Müller und Touristen-Reisegruppen freuen sich, zusammen sitzen zu können, wenn sie zum Wandern fahren, aber alle anderen, die ökologisch denken oder sich kein Auto leisten können, und deshalb mit der Bahn zur Arbeit, zum Einkauf, oder in den Ausgang fahren wollen, sind alldem einfach ausgesetzt.
    Ich war in Japan und war mit 200 Leuten Schulter an Schulter in einen Wagen gequetscht, aber das war mir 10 mal angenehmer als das Fahren mit der SBB, weil man sich dort dabei nicht ins Gesicht schauen muss, und überall Halte-Griffe hängen. Der Körperkontakt dort ist dabei schon fast angenehm, weil sich alle auch gegenseitig stützen, und das bei starkem Bremsen schon fast eine heldenhafte Aufgabe ist. Das ganze ist auch 10 mal kostengünstiger. Das einzige Problem, das dort noch grösser ist als bei uns, ist das Verlassen des Zuges, wenn er so richtig voll ist. (Aber selbst dafür gäbe es intelligente Lösungen)
    Was auch sehr stört, ist dass das Rauchen auf den Freiluft-Perons immernoch gestattet ist, und man immer den Gestank von Zigaretten und Joints in der Nase hat, und sich für die Gesellschaft schämt, weil alle die Dinger unter den Zug entsorgen. Ausserdem ist der Schweizer zu blöd um den Bereich vor den Türen freizuhalten, und zu warten bis alle ausgestiegen sind. Da hätte Japan auch ein gutes System zum Abschauen.
    Und warum haben wir noch Kondikteure? Ach ja. Schleusen am Eingang einer Station (ebenfalls in Japan und vielen anderen Ländern längst eingeführt, zur simplem Gewährleistung, dass man nur mit Billet rein kommt) funktionieren vielerorts ja nicht, weil die Bahnhöfe meist zugleich ein unseparierbares Schoppingcenter sind. Deshalb stören ebenfalls immer wieder Kondikteure die Privatsphäre, und betreiben öffentliche Demütigung, wenn man mal ein Billet zu lösen vergessen oder das GA zu Hause liegenlassen hat. Eine echte Schande.
    Ausserdem ist es eine Frechheit, dass es gefühlt gleichviele 1.Klasse Wagen wie 2.Klasse Wagen gibt, wo erstere meist nicht mal halbvoll werden und letztere zu Stosszeiten überquellen.
    Und für eine zwanzig Minuten Fahrt von Aarau auf Zürich 26.- zu verlangen ist einfach kriminell.

    Das Schweizer „ÖV“ ist aus all diesen Gründen einfach keine Option.

    1. Danke, 100% einverstanden ! Es freut mich das anderen auch diese Meinung haben.

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