Wanderlust.

Viele meiner Abenteuer begannen mit einer Zugfahrt! Einfach einsteigen und losfahren, dahin wo ich grad Lust habe. Bereits in meiner Jugend hatte ich ein GA. Und mit ihm die Sehnsucht nach der grossen, weiten Welt. Auch wenn diese vorerst an der Schweizer Grenze endete.

Auf meinen Exkursionen war stets eine meiner vier Wanderkarten dabei. Im Massstab 1:200 000 deckten sie die gesamte Schweiz ab und dank eingezeichneter Bahnlinien genügte das voll und ganz für mich. Ich konnte mich darauf verlassen, dass ich immer vor dem Eintritt des Hungertodes auf eine Postautohaltestelle oder einen Bahnhof traf.

Wanderkarten

Als ich meine heutige Frau und damalige Freundin gerade erst kennengelernt hatte, entschieden wir uns spontan für einen Ausflug in Richtung Schwarzenburg. Bei der Haltestelle «Schwarzwasserbrücke» stiegen wir aus und gingen runter zum Fluss. Wir hatten so gar keine Lust umzukehren, auch als der Weg plötzlich im seichten Wasser endete. Egal! Schuhe weg und ab durchs Wasser. Es wurde immer dunkler. Gemäss Karte Nummer 1 machte der Fluss drei Schlaufen, dann müsste es einen Weg aus der Schlucht geben. In beinahe absoluter Dunkelheit fanden wir ihn und unsere Safari endete im warmen Restaurant in Lanzenhäusern.

Wenn ich nicht einschlafen konnte, holte ich manchmal eine Karte hervor und träumte mich in andere Regionen. Dabei fiel mir eine eigenartige Felsarena im Neuenburger Jura auf. Wenig später stand ich am Rand des atemberaubenden Creux du Van. Wer den Creux du Van nicht kennt, verpasst etwas! Mit etwas Glück trifft man sogar auf Steinböcke. Wer länger in der Gegend weilt, sollte auch die Areuse-Schlucht besuchen.

Während den Zugfahrten entdeckte ich immer wieder Landschaften, die ich unbedingt einmal erwandern wollte. So gingen mir die Ideen nie aus.

Vier Mal durchquerte ich die Schweiz mit dem Velo. Eine Route führte mich von Zürich aus dem Jura entlang und ich wagte mich erstmals allein auf ausländisches Terrain. Auf dem Col de la Faucille im französischen Jura (1323 m ü. M.) wehte ein frischer Wind. Nun kam das Dessert! Eine wunderbar lange Abfahrt bis Gex (ca. 500 m ü. M.), wo wieder sommerliche Temperaturen herrschten. Im Bahnhof Genf Flughafen verlud ich mein Velo in den Intercity und liess mich die gesamte Strecke am Stück wieder heimchauffieren. Daran erinnere ich mich jedes Mal, wenn ich heute als Lokführer in Genf Flughafen ankomme.

Mit dem Älterwerden wagte ich mich immer weiter über die Grenze. Die Fahrt mit dem orangen TGV ins Herz Frankreichs inklusive Umsteigen in Lyon Part Dieu machte mir schon ein wenig Herzklopfen.

Wegweiser Wanderweg

Ich vertraute nicht nur meinen heiligen Karten, sondern auch den sonnenblumengelben Wegweisern. Fehlten diese ausnahmsweise – was sehr selten ist, die Wegweiserdichte in der Schweiz ist enorm – fragte ich die Menschen, denen ich begegnete. Ob von Rumendingen, Les Paccots, Fischenthal oder gar dem Ende der Welt: Ich kam jedes Mal zurück nach Hause(n)*.

Dem Wandern bin ich bis heute treu geblieben. Meist bin ich aber nicht mehr alleine unterwegs, denn unter den Lokführerkollegen habe ich ebenfalls begeisterte Wanderer gefunden. Die orangen Karten setze ich nur noch selten ein. An ihre Stelle sind selbst gedruckte Landkarten und ein Smartphone mit der SBB App getreten.

 

*Hausen am Albis, mein damaliger Wohnort.

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