Waschen, legen, föhnen.

Wie man ein Auto oder ein Velo wäscht, wisst ihr wahrscheinlich. Aber wie geht das bei ganzen Zügen? Ganz genau, ähnlich.

Heute hatte ich wieder mal das Vergnügen. In meiner Tour war nach der Fahrt nach Biel und zurück das Kürzel «DLR» eingeteilt. Das bedeutet «Durchlaufreinigung». Der Zug hatte es nötig. Staub und Dreck hatten sich abgesetzt und die Frontscheiben waren ein wahrer Friedhof der Krabbeltiere. Nach der Ankunft in Zürich huschten als erstes die Wagenreiniger durch die Abteile. Kübel um Kübel wurde geleert, Zeitungen und Getränkedosen eingesammelt. Nach weniger als zehn Minuten löschten sie das Licht und schlossen die Türen. Für mich das Zeichen, eine Rangierfahrstrasse zur Waschanlage zu verlangen.

Mein Zug war der Waschanlage in der Nähe des Bahnhofs Hardbrücke zugeteilt. Der Waschmeister wartete bereits auf mich und übergab mir ein Funkgerät. Bei meinem Pendelzug vom Typ EW-IV sind vor dem Duschen ein paar Vorbereitungsarbeiten notwendig. Einerseits muss die sogenannte Zugsammelschiene ausgeschaltet werden. Das ist eine 1000 -Volt-Leitung, die von der Lok her Wagen um Wagen mit Strom versorgt. Strom und Wasser – kein Traumpaar! Das gilt auch für die Stromabnehmer. Eine Tastenkombination im Führerstand hebt die beiden Stromabnehmer.
Sie müssen beide oben sein, damit nicht eine allfällige Wasseransammlung zu einem Kurzschluss führt.

Dann war ich parat. Und schon kam auch der Funkspruch «Lok 8, waschen». Ich bestätigte die Meldung und fuhr in den Waschtunnel. Dieser sieht aus wie ein grosses gebogenes Wellblech, unter welchem ein ganzer Zug Platz hat. Ich fuhr mit genau einem Kilometer pro Stunde. Das ist ZEN-Lokführen! Die Re 460 macht es mir einfach. Sie regelt die Geschwindigkeit selbständig.

Während meine Frontscheibe berieselt und benieselt wurde, kam der Funkspruch «Spiegel einklappen!!!». Ich schaffte das gerade noch vor den ersten rotierenden Bürsten. Diese applizieren ein Waschmittel und fegen den eingefangenen Bahnalltag von den Seitenwänden und Fenstern. Der Zug wird im Gegensatz zum Auto nur seitlich gewaschen. Oben befindet sich durchgehend die Fahrleitung, welche auch während des Waschens unter Hochspannung steht. Irgendwie ist das alles so eingerichtet, dass sich das Wasser und die Stromleitung nicht zu nahe kommen. Auf ein solch knisterndes Rendezvous hätte nämlich niemand Bock.

«Lok 8. Anhalten». Nach dem Waschen ist Handarbeit angesagt. Der Waschmeister reinigt die Frontscheibe mit einer Bürste an einem langen Stiel. Er steht dabei genau vor meiner Zugspitze – Ich sehe ihn kaum! Ich habe grossen Respekt vor dieser Situation und sichere meinen Zug deshalb besonders aufmerksam.

Es folgten noch ein paar Bürsten und Duschen. Zuletzt kam Osmose-Wasser zum Zug. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es perlt ab und verdunstet rückstandslos.

Ich hatte den Waschtunnel längst verlassen und tuckerte mit meinem Kilometer pro Stunde gemütlich von Schwelle zu Schwelle. «Waschen fertig. Du kannst den Funk auf den Boden legen. Danke und einen schönen Abend noch!». In dieser Badeanstalt wird man freundlich bedient.

Gewaschener Zug

Es ging wieder zurück in den Hauptbahnhof. Beim Vorbeifahren sah ich, dass bereits der nächste Zug gewaschen wurde. Er ist mit einer älteren Re 420 ausgerüstet. Bei dieser Lok muss der Lokführer immer wieder sanft reinbremsen. Sonst wird der Zug immer schneller. Das Gelände nach dem Waschtunnel ist nämlich leicht abschüssig.

Keine Stunde nach der Abfahrt im Bahnhof war ich auf einem anderen Gleis zurück. Der Zug würde nach Luzern fahren. «Alles eingerichtet, der Zug ist frisch geputzt und gewaschen.», melde ich dem Luzerner Lokführer, als er kam. Er strahlte fast noch mehr als die glänzenden Wagen.

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